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Kulturhauptstadt 2019 Matera – Eine Zeitreise

Ich stehe an einer Mauer, vor mir erstreckt sich die kalkweiße Stadt. Ich fühle mich in der Zeit zurückversetzt. Würde jemand behaupten, ich sei im Jerusalem um das Jahr 0 gelandet – ich würde ihm ohne zu zögern glauben. Wenn eine Stadt eine solche Ausstrahlung hat, wundert es nicht, dass sie touristisch vermarktet wird. Im Jahr 2019 ist Matera, rund 200 km östlich von Neapel und circa eine Stunde von Bari in Süditalien gelegen, Europäische Kulturhauptstadt. Doch bis dahin war es ein langer Weg, denn nicht immer war die Höhlenstadt eine Vorzeigeobjekt, das Touristen lockt.

Wohnen in Höhlen

Was Matera so besonders macht, ist seine Architektur und seine Lage. Entlang zweier Schluchten gruben Menschen Wohnhöhlen, die wie ein Wespennest am Felsen kleben. Die Häuser wurden nicht einfach aus Ziegelstein errichtet, sondern direkt in den weichen Tuffstein gegraben. Die sogenannten „Sassi“, was nicht mehr als „Steine“ bedeutet, sehen bis heute nicht viel anders aus, als vor hunderten von Jahren. Historisch war das Jahr 938 bedeutsam, als Sarazenen den Ort verwüsteten. 1043 kam Matera unter normannische Herrschaft und wurde Königssitz. Es folgte eine Blütezeit, in der Matera zu großen Reichtum kam. Doch immer wieder war die Stadt umkämpft. Adelige führten untereinander Machtkämpfen um Matera. Von 1806 bis zur letzten Verwaltungsreform war die Stadt Hauptstadt der Provinz Basilikata, heute ist sie nur noch Verwaltungssitz der gleichnamigen Provinz, die etwa die Hälfte der Region Basilikata ausmacht. Der historische Teil von Matera ist in die beiden Stadtviertel Sasso Barisano und Sasso Caveoso aufgeteilt. Noch heute kann man die Spuren einstiger Bewohner und die unterschiedlichen Bodenniveaus in den Wohnungen erkennen. In den Wohnhäusern, Kirchen und Klöster ist die Geschichte der Menschen in Stein gegraben.

Die Sassi bei Nacht

Als die Sassi zu klein wurden, entstand der neue Teil Materas. In den alten Wohnhöhlen blieben vor allem die, die sich die neuen Wohnungen nicht leisten konnten. Die Sassi verfielen, die Bewohner hausten unter miserablen Umständen. Die Sassi die Matera wurden zum Inbegriff des italienischen Ghettos. Kein fließendes Wasser, kein Strom, die Menschen lebten bis weit in die 1950er-Jahre nicht anders als im Mittelalter. Unter katastrophalen hygienischen Umständen lebten 1948 etwa 15.000 Menschen in 3300 Räumen. Malaria, Cholera und Läuse quälten die ganze Bevölkerung und die Stadt zog die Notbremse. Die Sassi wurden zwangsgeräumt und die Bewohner in die neuen Stadtteile umgesiedelt.

Matera wird UNESCO Weltkulturerbe

Es dauerte bis Mitte der 1980er-Jahre, bis man den kulturhistorischen Wert dieser besonderen Architektur erkannt. Geld wurde investiert und die Sassi nach und nach restauriert. Im Jahr 1993 erfolgte die Ernennung zur Weltkulturerbstätte und mit der Errichtung von Museen und Unterkünften war der Weg zur Touristendestination geebnet. Wer die authentischen Wohnungen sehen will, kann sich in der Casa Grotta nei Sassi umschauen. Die Höhlenwohnung vermittelt eine authentisches Bild. Feuerstelle, Stall, Keller und Schlafstätte liegen direkt beieinander. Noch schöner ist, es sich eine Unterkunft direkt in den Sassi zu mieten. Familiengeführte Bed-and-Breakfasts vermitteln den Charme der gemütlichen Grottenhäuser. Manche sind authentisch rustikal, andere stylisch mit Designmöbeln eingerichtet. Mit Wasseranschluss und Heizung sind sie allemal komfortabler als in den vergangenen Jahrhunderten.

Im Jahr als Europäische Kulturhauptstadt finden in Matera Ausstellungen, Events und besondere Programmpunkte statt. Wir schlendern durch Kunstausstellungen lokaler Künstler, schauen uns Videoanimationen mit Infos rund um die Region an, quetschen uns mit Touristengruppen durch die Museen und knipsen Fotos von Kunstwerken in den Straßen. Ich für meinen Teil, kann auf solche Unterhaltung verzichten. Gerade in einer Stadt wie Matera braucht man solche Sehenswürdigkeiten gar nicht. Viel schöner ist es, durch die Gassen zu schlendern, sich ständig zu verlaufen, dabei die hübschesten Ecken zu entdecken. Wir besichtigen in den Fels gehauene Kirchen, wo Benediktiner lebten, bewundern Felsenmalereien in der Chiesa di Santa Lucia alle Malve. Besonders beeindruckend ist die Kirche Santa Maria de Idris durch ihre Lage. Sie ist komplett in einen karstigen Felsen gehauen, der prominent über den benachbarten Häusern thront. Von hier oben blickt man in die krage Landschaft der umliegenden Schlucht, die an die Sassi angrenzt. Direkt daneben ist ein wunderschöner Aussichtspunkt. Etwas makaber ist die Tatsache, dass man sich auf einem uralten Friedhof, dem Cimitero Barbarico, befindet. Genau an dieser Stelle drehte Mel Gibson die Kreuzigungsszene Jesu und man versteht sofort wieso. Wenn man sich umblickt, fühlt man sich mal wieder in ferne Vergangenheit zurückversetzt Auch Regisseur  Pier Paolo Pasolini drehte hier in den Sassi Szenen für seinen Bibel-Epos „Das 1. Evangelium – Matthäus“. 1964, als die Dreharbeiten stattfanden, ist die Stadt verlassen und versprüht den Charme einer unheimlichen Nekropole aus vergangenen Zeiten. Der Regisseur soll großen Respekt vor dem kulturellen Erbe der Stadt gehabt haben und zollte diesem, indem er gegen seine Gewohnheiten ausschließlich in Anzug und Krawatte arbeitete.

Kulinarisches aus der Region

Ein Tipp, den ich euch ans Herz legen möchte, ist die Besichtigung der Zisterne Palombaro Lungo am Piazza Vittorio Veneto. Regelmäßig finden hier Führungen in englisch und italienisch statt, die rund 25 Minuten dauern. Der Gang in die Unterwelt ist kurzweilig und beeindruckend und lohnt sich meiner Meinung nach auf jeden Fall! Neben all dem Laufen und Schauen brauchen wir aber auch immer wieder Pausen. Wir trinken Spritz in der Frühlingssonne, essen Eis, schlürfen Café und machen uns abends auf die Suche nach netten Restaurants. Am ersten Abend landen wir dabei im Agriristories. Das Restaurant verfolgt einen konsequent lokalen Anspruch. Dabei kommen wenige ausgesuchte Zutaten aus der Region auf den, in manchen Fällen kompostierbaren Teller. Ich bestelle Orichiette mit weißen Bohnen. Der Teller sieht zugegebenermaßen etwas langweilig aus. Als ich den ersten Happen probiere, bin ich begeistert. Die Nudeln sind wunderbar al dente, die Bohnen in kräftiges Olivenöl getaucht und schön salzig. Vorab probieren wir noch die Peperoni Chruschi, die zuerst getrockneten und dann frittierten Peperoni, zum Nachtisch gibt es eine Variation aus Pistazien. Dazu trinken wir einen Wein aus Matera und suchen uns mit vollem Bauch eine Bar für den letzten Absacker. Auf dem Balkon mit Blick auf den Vorplatz genießen wir den letzten Rotwein. Italienfeeling pur! Am zweiten Abend wollen wir uns vor dem Abendessen einen Aperitivo können und bestellen eine Käseplatte für zwei. Wir bekommen eine so riesige Portion, dass wir nach dem Genuss der unterschiedlichen italienischen Käsesorten mehr als satt sind und auf das eigentliche Abendessen verzichten.

Tourismus: Chance oder Fluch?

Matera hat sich vom Schandfleck zum Touristenmagnet entwickelt. Die Faszination der Sassi hat sich herumgesprochen. Kein Wunder. Von einem Ansturm wie in Venedig ist hier glücklicherweise noch nicht viel zu spüren, auch wenn das Tagespublikum klar dominiert. Man sieht viele Schulklassen und Reisegruppen, doch der ganz große Andrang hält sich, zumindest am Anfang des Kulturjahres, noch in Grenzen auch wenn man von mindestens einer Millionen Besuchern in diesem Jahr ausgeht. Für Matera und die Region ist der Aufschwung durch den Tourismus eine gute Sache. In den zuletzt ausgestorbenen Sassi leben nun wieder mehr als 2000 Menschen, in erster Linie wegen des Tourismus. Das Ziel der Region ist es, Matera dauerhaft, also auch über das Kulturjahr hinaus, als Kulturreiseziel zu etablieren. Die Angst vor dem Loch nach dem Jahr 2019 ist groß.

Es wird eine Herausforderung, die Balance zwischen Erhalt einerseits und musealer Kulisse andererseits zu stemmen, gerade wenn die zahlreichen Neuerungen an der Authentizität ruckeln. Wie kann man sinnvoll in einen Ort investierten, ohne ein weiteres Pompeji oder Venedig daraus zu machen und ohne, dass die Stadt Haifischbecken von Immobilienspekulanten wird? Doch die Hoffnung ist da: Wenn die Fördergelder sinnvoll in nachhaltigen, sensiblen Tourismus investiert werden, dann hat Matera eine echte Chance. Ich hoffe es, dann die Stadt ist einfach einzigartig. Wenn man an der Mauer der Schlucht steht, hinter einem die uralten Felsenhäuser, auf den Berghängen die grasenden Ziegen, dann reist man ganz weit zurück zu den ersten Siedlern. Ein Erlebnis, das sich verkaufen lässt, aber mit Samthandschuhen angefasst werden muss, damit es auch weiter erlebbar bleibt.

Werbung: Auf unserer Reise hat uns das DuMont Reise-Handbuch „Süditalien“ begleitet. Auch wenn Matera nur einen kleinen Teil darin ausmacht, war uns der Reiseführer in vielen Momenten nützlich. Für die Inspiration und das Reisefieber vorab und für konkrete Infos vor Ort. Hoffentlich kommt das Buch bald wieder bei weiteren Reisen durch Süditalien zum Einsatz! (Das Buch wurde uns als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt)

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