Gedanken,  Reisen,  Weltschmerz und Gedanken

Pures Glück, pures Sein – Gesammelte Gedanken zum Alleinreisen

Im Alltag sind wir stark. Wir haben eine feste Hülle um uns herum, die uns schützt und hält und durch den Tag bringt. Ich fühle mich irgendwie kompakt wenn ich in der U-Bahn stehe, wenn ich durch die Straßen laufe oder im Café sitze. Immer gewappnet, immer bereit. Meine Rolle sitzt.

Doch es gibt diese Momente, in denen wir alle diese Schutzhülle abstreifen. Dann fühle ich mich ganz weich und durchlässig. Ich bin nicht mehr ummantelt von einer Schicht, die mein Inneres von dem Außen trennt. Ich zerfließe ein wenig und fühle mich zerbrechlich und wohl zugleich. Ungeschützt. Alles, was in mir ist, kommt einfach nach oben, schwappt nach außen. Wenn ich alleine zuhause bin, Musik läuft und es draußen so richtig ungemütlich ist, dann komme ich in diesen Zustand. Oder noch mehr wenn ich alleine auf Reisen bin, wenn ich ganz allein am Strand laufe oder den Sonnenuntergang bestaune. Dann werde ich weich, pelle mich aus meiner Schale und bin ganz pur. Bloß ich, ungeschützt vor allem, was da um mich herum ist. Dann fließen die Gefühle meine Wangen hinab. Es fühlt sich an, als würde ich glitzern. Als würde ich leuchten.
Dieser Zustand des puren Seins ist mein großes Glück. Es ist kostbar, denn es ist selten. Wann kommen wir in den Genuss, uns selbst zu begegnen? Deshalb gehe ich immer wieder alleine auf Reisen. Obwohl ich auch mit meinem Partner gerne verreise, brauche ich diese Zeiten mit mir selbst. Ich bin dankbar für dieses kostbare Geschenk der Freiheit und beruflichen Flexibilität, die mir diese Auszeiten erlauben. Doch ich habe das nicht einfach bekommen, ich hab es mir hart erarbeitet.

Sri Lanka: Tage am Strand

Sri Lanka ist Indien light, heißt es. Und genau das hat mir Sorgen bereitet vor meinem Monat alleine in Sri Lanka, denn Indien hat mich an meine Grenzen gebracht und darüber hinaus. Wenn zu viele Eindrücke auf mich einprasseln, dann bin ich schnell überfordert. Ich werde ängstlich, grüblerisch und ziehe mich zurück. Meine Gefühle waren so durcheinander, dass ich sie nicht ordnen konnte. Ich hatte plötzlich Angst vor allem. Vor dem Straßenverkehr, vor aufdringlichen Männern, vor Krankheit. Indien forderte mich so sehr, dass ich erst kapitulierte, bevor ich meine Stärke daraus ziehen konnte. Ob Sri Lanka die gleichen Gefühle bei mir auslösen würde? Als ich zum ersten Mal den Fuß auf srilankanischen Boden setze, weiß ich: Das passt. Alles sieht auf den ersten Blick aus wie Indien und mein Kopf schaltet gleich auf Warnstufe. Ich beäuge alle Situationen noch etwas skeptisch, doch dann sind die Leute alle so freundlich, hilfsbereit und selbst die Verkäufer bei weitem weniger anstrengend, als in Indien. Der Verkehr ist nur halb so wild, das Feilschen nur halb so nervig und alles sehr viel entspannter. Aber wer in Indien war, findet danach wohl alles ziemlich entspannt. Doch um es einmal klar zu sagen: Noch nie habe ich mich direkt nach Ankunft in einem fremden Land so furchtlos gefühlt. Ich, die sich immer zu viele Sorgen macht, vor vielen Sachen Angst hat. Ich bin angekommen und alles war gut. Ich muss ehrlich sagen, als ich meine Reise startete, war ich nicht sehr euphorisch. Irgendwie hatte ich schon bei der Anreise ein wenig Heimweh nach meinem Freund, hatte irgendwie mehr Lust auf faulenzen, statt reisen. Die Tage davor waren ein wenig anstrengend, doch kaum war ich da, fühlte ich mich angekommen. Vielleicht war es auch nur das Rufen der Geckos, das mich gleich in der ersten Nach in den Schlaf wiegte. Ein Gefühl zwischen Erleichterung und Neugierde durchströmt meinen Körper, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Ich habe es einfach im Gefühl, dass der Monat allein hier gut sind wird. Beim ersten Besuch am Meer und Kontakt mit Strandverkäufern, die gerne als sehr hartnäckig und nervig beschrieben werden, nach der ersten Tuk-Tuk-Fahrt, da spüre ich, dass ich das hinkriege. Ich habe weder Angst noch Sorgen, im Gegenteil: Ich bin tiefenentspannt.

Ich mache es mir zum Ritual die Strände der Westküste einmal in der ganzen Länge entlangzulaufen und mich dann hinzusetzen und zu schreiben. Nirgendwo kann ich besser denken als am Meer. Kaum spüre ich die Wellen, die meine Füße umspülen, habe die Seeluft in der Nase, wehen meine Gedanken davon. So oft drehen sich meine Sorgen im Kreis, drehen immer und immer wieder ihre Runden in meinen Kopf, wie ein Tiger im Käfig. Hier im Wind fliegen sie davon, meine Gedanken nehmen freie Fahrt auf.
Ich schreibe so schnell, wie meine inneren Worte davonwirbeln. So schnell wie die Busfahrer, die hier über die Straßen fegen. So schnell, dass ich am Ende kaum etwas entziffern kann. Aber das macht nichts, denn die Gefühle bleiben auf dem Papier wie Parfüm in einem Schal. Es ist ein Zustand von federleichtem Sein, in den mich der Strand hier einlullt wie ein Gute-Nacht-Lied. Eine Woge von Wohlgefühl und Zufriedenheit überkommt mich. So heftig, dass es mich stocken lässt. So rar sind diese Momente, denn mit dem Zufriedensein tu‘ ich mich schwer. „Glückseligkeit“ ist das pathetische Wort, das mir hier in den Sinn kommt. Still und heimlich schleicht sich eine klitzekleine Träne in meinen Augenwinkel.

Der Kern der Dinge

Ich bin nicht nur hier, um ein paar faule Tage am Strand zu verbringen. Ich bin hier, um mich mit mir auseinanderzusetzen. Ich will es nicht Selbstfindung nennen, auch wenn es das schon irgendwie trifft. Doch ich nenne es lieber ganz pragmatisch „Bestandsaufnahme“. Sri Lanka für mich kein Digital Detox. Ich bin hier nicht asketisch. Ich will nur ganz bewusst Zeit mit mir verbringen. Schreiben. Und zwar über das, was ich gerade will. Ich bin hier, um in aller Ruhe in mich hineinzuhören. Wobei das zu aktiv klingt, es ist eher so: Ich sitze oder laufe und warte, was in meinen Kopf, in mein Herz sprudelt und versuche das so gut wie möglich wahrzunehmen. Nur über Emotionen kommen wir an den Kern der Dinge. Es ist nun einmal zwangsläufig so: Wenn man allein ist, ohne Ablenkung, dann schwappen die Gedanken an die Oberfläche. So ist es auch beim Alleinereisen. Wenn man nicht gerade im Hostel ist und ständige neue Leute kennenlernt, sondern mal wirklich alleine ist, dann kommt das Grübeln. Ich habe es gestern schon gemerkt, als ich nicht einschlafen konnte und dann heute Morgen, als ich irgendwie schlecht gelaunt aufgewacht bin. Als ich dann am Strand saß, der schöner nicht sein konnte, und die Kinder bei den ersten Schnorchelversuchen beobachtete, da schlichen sie sich in meinen Kopf: Die großen Fragen. Ich konnte dieses Glücksgefühl, diese Sensibilität, anfangs kaum einordnen. In Sri Lanka am Strand fühlte ich mich roh und verletzlich, ich musste weinen und wusste nicht warum. Zuerst dachte ich, es wäre Einsamkeit. Ich fühlte mich schon länger einsam. Doch dann verstand ich, dass es keine Einsamkeit, keine Traurigkeit war, sondern der Weg zum meinem Innersten, der mich verletzlich machte und mir Zugang zu etwas ganz Kostbaren ermöglichte. Meinem Inneren, meinem Ich, meiner Kreativität. Es geht darum, sich nicht einsam zu fühlen, wenn man allein ist. Alleinsein ist kein Mangel, es ist die Möglichkeit dir selbst ganz nahe zu sein. Am Anfang zieht es und drückt, doch irgendwann, dann ist diese Unwohlsein weg und was übrig bleibt, ist pures Ich.

Man muss das Alleinsein üben. Immer und immer wieder. Solange, bis es nicht mehr unangenehm ist.

 

Zwischen dem Alleinsein sind immer wieder Menschen. Ich war wegen einer Kooperation in einem tollen Ressort mit Pool und grandiosem Essen, ich habe Zeit mit einer Deutschen und ihrem neun Monate alten Sohn verbracht. War mit dem Kleinen plantschen und habe mit ihnen ihre Freundin besucht, die ein kleines Häuschen in Unawatuna gebaut und einen Beach Boy geheiratet hat. Was für Geschichten ich hier gehört habe. Abgefahren! In Welligama war ich im für mich luxuriösesten Hostel, das ich je gesehen habe. Pool, Restaurant, Lounge, alles drum und dran. Ich habe morgens am Pool, nachmittags am Strand gelegen, eine super Zeit mit netten Frauen verbracht und alles andere einfach ausgeblendet. Abends gab es ein Gläschen Wein oder Cocktails und stundenlange Gespräche. Zusammen haben wir kleine Ausflüge gemacht, Restaurants besucht. Keine Ahnung, welcher Tag eigentlich war, war ja auch egal. Kein großen Pläne. Pool, Essen, Strand – repeat. Doch so schön diese Abwechslung von meiner intensiven Selbstzeit war, ich merkte, dass ich unruhig wurde. Ich musste aus dieser kleinen Zweckgemeinschaft raus. Doch war ich weitergezogen und wieder alleine, da ging meine eigentliche Reise weiter. Meine Gedanken kamen wieder auf Trab.

Deine Stimmung ist ein Spiegel

Ich bin hier mit dem Vorsatz gelandet, dass es mir hier gefallen wird. Das habe ich einfach so beschlossen und die Insel macht das auch einfach. Traumstrände, gutes Essen, freundliche Menschen, was will man mehr? Doch auf meiner Reise treffe ich auch einige Frauen, die sich hier nicht ansatzweise so wohl fühlen wie ich, denen es ein bisschen so geht wie mir in Indien. Viele sind zum ersten Mal in Asien und ein kleiner Kulturschock hat wohl jeder beim ersten Mal. Vielen beschweren sich über die Tuk-Tuk-Fahrer, sind genervt von Verkaufsmaschen. Und ich merke es ihnen in jeder Faser ihres Körpers an. Sie strahlen gleich etwas Negatives aus, gehen bei jedem Einheimischen auf Distanz. Es ist wie ein Spiegel: Die Stimmung färbt auf den Gegenüber ab. Wenn ich gleich genervt reagiere, kann ich keine positive Reaktion erwarten und ein Teufelskreis entsteht. Ich glaube, das war auch mein Problem in Indien. Ich ging von negativen Dingen aus und genau das bekam ich. In Sri Lanka ist das anders, ich bin anders. Ich lasse mich von kleinen Dingen einfach nicht nerven. Meine Grundstimmung ist positiv und so reagieren auch die Leute auf mich. Ich messe den schönen Dingen größeren Wert bei. Wenn ich mal etwas zu viel für die Tuk-Tuk-Fahrt gezahlt habe, dann ärgere ich mich nicht ewig und lasse mir davon nicht die Laune verderben. Ich freue mich stattdessen über das nette Gespräch. Es ist keine weltbewegende Erkenntnis, die ich gemacht habe, doch ich habe am eigenen Leib erfahren, was eine positive Grundstimmung ausmacht, die Gelassenheit, die mich durch den Tag lenkt.

Ich merke es vor allem in den letzten beiden Tagen, denn da ist das Hochgefühl plötzlich vorbei. Die Reise neigt sich dem Ende zu und ich muss ein paar Dinge wie die Zugfahrt in Deutschland organisieren. Ich ärgere mich über Dinge, die mich eigentlich noch gar nicht betreffen, lasse mich jetzt schon vom Alltag in Berlin stressen. Das färbt auf meine Stimmung ab. Ich bin genervt und plötzlich finde ich den Taxifahrer echt anstrengend, mich nervt das Gehupe und meine Sorglosigkeit ist dahin. Kaum ist meine Stimmung im Keller, scheinen auch alle um mich herum anstrengender und genervt zu sein. Was ein Kontrast zu den restlichen Wochen, wo alles so entspannt war! Ich will versuchen, dieses positive Gefühl meiner Reise mitzunehmen. Ich will gelassener sein, entspannter. Und wenn ich wieder zu negativ bin, dann will ich an den Strand denken und daran, wie ich mich beim Spazieren gefühlt habe, beim Blick auf die Wellen mit Lächeln auf den Lippen und Sonne im Herzen.
Sri Lanka ist nun viele Monate her. Dazwischen war ich immer wieder alleine unterwegs, wenn auch nur kurz, als letztes im Dezember in Malta. So gut mir die Insel gefallen hat, meinen Flow konnte ich nicht finden. Es ist, als würde ich meine Rolle nicht finden. Ich bin hauptsächlich da, um in schöner Umgebung zu arbeiten und danach meine Freizeit in der Sonne zu genießen. Doch vor Ort stellen sich die Dinge manchmal anders da, als sie vorab geplant waren. Das Hostel hat keinen Ort, an dem ich in Ruhe am Laptop sitzen könnte. Im Dorm haben sich einige Langzeitgäste wohnlich eingerichtet, andere schnarchen so laut, dass sie meine Nächte zur Qual machen. Ich komme in keine Routine, finde keinen Anschluss und kann auch die Zeit nicht als Urlaub genießen. Es ist immer wieder eine Übungssache mit dem Alleinreisen, doch ich bleibe dran.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.