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Wenn Ängste das Leben bestimmen. Interview mit Mischa Miltenberger von Adios Angst

5. Januar 2015
Foto: Mischa Miltenberger - Adios Angst - Bonjour Leben
Foto: Mischa Miltenberger – Adios Angst – Bonjour Leben

In meinen letzten Posts ging es immer wieder um das Thema Angst. Wie sie mich beeinflusst, fordert und wie ich sie immer wieder überwinden kann. Es hat lange gedauert mir meine Ängste einzugestehen und Wege zu finden, mit ihnen umzugehen. Wenn es einen Blog zum Thema Angst gibt, den ihr unbedingt lesen solltet, dann ist es Adios Angst – Bonjour Leben. Mischa schreibt über den Punkt in seinem Leben, an dem klar war, so kann es nicht weitergehen. Er teilt seine Erfahrungen auf eine ganz besondere Art: offen, ehrlich und mutig.

Ich habe mit Mischa gesprochen, ihn nach seinen Einschätzungen und Erlebnissen befragt und ihm außerdem ein paar Tipps und Maßnahmen gegen die Angst abgeschwatzt.

Viel Spaß damit und schaut wirklich unbedingt mal rein bei Adios Angst. Wie wäre es zum Beispiel mit Mischas Beitrag über das Glück? Der hat mir besonders gut gefallen.

Mischa Miltenberger von Adios Angst - Bonjour Leben
Mischa Miltenberger von Adios Angst – Bonjour Leben

Mischa, du warst Redakteur bei einer Tageszeitung, dann kam dein Zusammenbruch. Wann hat sich der Wunsch etabliert, deine Geschichte in einen Blog zu packen? Was war die Motivation?

Zuerst dachte ich nur an den klassischen Reiseblog – quasi als Tagebuch für Freunde, Bekannte, Ex-Kollegen und für mich später als schöne Erinnerung. Als ich mich schlau gemacht habe, wie man einen Blog am besten aufzieht, bin ich auf das Blog Camp gestoßen. Dort musste ich mich in dem Kurs mit der Frage der Blog-Nische auseinandersetzen.

Da wurde mir schlagartig klar: Nicht meine Reise ist meine Geschichte, sondern mein Leben, also wie es überhaupt zur Reise kam, was auf der Reise mit mir passiert und wie es danach weitergeht. Also viel persönlicher und emotionaler als zu Beginn gedacht.

Ich hatte einigen Bammel davor, mich in der Öffentlichkeit so nackig zu machen. Doch alle Reaktionen meiner großartigen Leser zeigen mir im Nachhinein, dass ich mich richtig entschieden habe.

 

Dir war irgendwann klar: So kann ich nicht weitermachen. Also hast du einen VW-Bus gekauft, deinen Job gekündigt und bist auf und davon. Erzähl mehr davon!

Ich war in meinem Job als Sportredakteur in einer Lokalredaktion 11 Jahre lang Einzelkämpfer. Eigentlich mein Traumjob, aber zum Teil auch mit großen Belastungen verbunden. Die zunehmende Monotonie des Jobs, die fehlende Entwicklungsmöglichkeit, der Stress: Spätestens während meines Klinikaufenthalts wurde mir klar, dass nicht nur mein eigenes, angstvermeidendes Verhalten, sondern auch die Arbeit mich krank gemacht hat.

Ich bin vom Naturell her ein freiheitsliebender Typ, immer schon ein kleiner Rebell gewesen. Doch das kannst du im Hamsterrad genauso wenig ausleben wie echte Kreativität. Weil dafür im Tagesgeschäft schlicht die Zeit und die Freiheit fehlt.

Alles das habe ich mir mit meiner Kündigung zurückgeholt. Aber erst, als ich dann mit meinem VW Bus namens Dr. D unterwegs war, fielen die Fesseln komplett ab. Ein unbeschreibliches Gefühl, so losgelöst von all dem Alltagswahn ein halbes Jahr durch Europa zu fahren und nur sich, die Natur und die Schönheit des Lebens zu spüren.

Die meiste Zeit war ich allein unterwegs, habe mit jedem Tag ein größeres Selbstwertgefühl bekommen. Eine Erfahrung, die mich ein Leben lang tragen wird.

 

Thema Angst: Jeder leidet mal an Zukunftsängsten oder Phobien. Doch wann denkst du, muss man etwas dagegen tun?

Ganz klar: Wenn du dadurch in deinem Leben eingeschränkt wirst. Wenn du zum Beispiel dein Auto beruflich und privat oft brauchst, aber eine Phobie vor Autobahnen und/oder Tunnels hast, solltest du dringend daran arbeiten. Oder wenn du Panik bei alltäglichen Dingen wie dem Einkaufen, dem Fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln oder ähnlichem hast. Sonst führt dein Vermeidungsverhalten dazu, dass du dir immer weniger und weniger zutraust. Das ist ein Teufelskreis, in dem oft schwere psychische Probleme entstehen können. Ich habe das am eigenen Leib erfahren.

Wenn ich jetzt nur ein bisschen Angst vor Spinnen habe, muss ich dagegen nicht zum Therapeuten rennen. Also lohnt es sich, in sich hineinzuhören und sich die Frage zu stellen: Wie weit hindert mich meine Angst daran, Dinge zu tun, die ich eigentlich tun will oder mein Leben so zu führen, wie ich es mir vorstelle?

Wie gehst du im Alltag mit Ängsten um? Welche Maßnahmen kannst du empfehlen?

Früher war ich der klassische Vermeidungs-Typ. Immer schön die Ängste verdrängen und sich nicht aus der Komfortzone wagen.

In der Klinik habe ich gelernt, wie viel Selbstwertgefühl ich gewinne, wenn ich meinen Ängsten ins Auge sehe. Wenn ich vor etwas Angst habe und es trotzdem mache. Also die klassische Verhaltenstherapie.

Du hast Angst, vor Menschen zu sprechen? Also sprich vor Menschen!

Du hast Höhenangst? Also schau mal, wie weit du es auf der Feuerleiter nach oben schaffst!

Du hast Angst vor Glasaufzügen? Dann fahr mit einem Glasaufzug!

Du hast Angst vor Autobahnfahrten? Dann fahr Autobahn!

Das hört sich hart an, aber es gibt keinen anderen Weg für ein besseres Leben, als sich den Ängsten zu stellen. Dabei ist aber wichtig, dass du dich dabei nicht überforderst.

Einen Trick zur Selbstüberlistung habe ich dabei: Wenn ich etwas tun soll, wovor ich vielleicht Schiss habe, dann gönne ich mir keine Bedenkzeit mehr, sondern sage sofort zu. So wie kürzlich bei meinem ersten Radio-Interview. So bin ich im Moment der Zusage schon stolz auf mich, was mir ein wenig den Druck nimmt. Nervös war ich trotzdem. Aber früher hätte ich den Termin wahrscheinlich unter fadenscheinigen Gründen abgesagt.

Mein Motto: Lieber gehe ich mit wehenden Fahnen unter, als dass ich mir vorwerfen muss, gar nicht in den Kampf gezogen zu sein.

 

In der Gesellschaft ist ein offener Umgang mit Ängsten schwierig. Was muss sich ändern?

Das muss sich jeder Einzelne fragen. Je mehr Menschen offen mit ihren Ängsten und Gefühlen umgehen, desto einfacher wird es für weitere, sich auch zu trauen. Unglaublich, wie viele Männer zum Beispiel mir geschrieben haben, dass sie auch von Ängsten/Depressionen betroffen sind oder waren und sich freuen, dass ich die Sache so öffentlich mache.

Leider sind perfektes Funktionieren, Stärke zeigen und Leistung bringen in unserer Gesellschaft wesentlich höher angesiedelt als ein menschenwürdiges Miteinander. Die Kultur in den meisten Firmen trägt ihr Übriges dazu bei. Der Hauptgrund für mich, weshalb ich mir einen 9/5-Bürojob nicht mehr vorstellen kann.

 

Wie sieht deine Zukunft aus? Sowohl beruflich als auch, was das Reisen angeht.

Ich werde mich im Jahr 2015 mit Hilfe des Gründungszuschusses der Arbeitsagentur selbstständig machen. Für diese Möglichkeit bin ich sehr dankbar. Ich will und werde mein Geld als freiberuflicher Journalist, Texter, Autor und Blogger verdienen. Das ist meine Passion, da habe ich schon tolle Kontakte. Schreiben ist mein Leben. Zudem will ich noch viel mehr von meiner Geschichte und meinen Erfahrungen mit Angst und Depressionen an Betroffene weitergeben, ihnen helfen und klarmachen, dass selbst die schwerste Krise nicht „lebenslänglich“ bedeutet.

Was ich mit Dr. D nächstes Jahr unternehmen werde, weiß ich noch nicht. Ich habe inzwischen gelernt, wie schön es ist, planlos zu sein und lasse mich einfach von meinen Ideen überraschen. Auf alle Fälle will ich für ein paar Wochen an einen bezaubernden Ort fahren, dort arbeiten und mich von der neuen Umgebung kreativ inspirieren lassen.

 

Redakteur, Blogger, freier Journalist: Was sind deine Erfahrungen mit dem professionellen Schreiben, und welche Tipps kannst du angehenden Schreiberlingen geben?

Mein professionelles Schreiben bei der Tageszeitung war immer stark vom Zeitdruck bestimmt. Meisterwerke kannst du unter diesen Umständen keine vollbringen. Jetzt habe ich endlich die Möglichkeit, mir für meine Artikel die nötige Zeit zu nehmen, daran zu feilen, bis das gewünschte Ergebnis herauskommt.

Meine wichtigste Empfehlung für angehende Schreiber/Blogger: Lesen! Und zwar nicht Facebook-Posts, sondern gute Bücher oder tolle Blogs. So bekommst du ein besseres Gefühl für die Sprache, kannst dir verschiedene Schreibstile anschauen und merkst recht schnell, welche Art von Artikeln dich abholen. Und dann überlegen: Was macht der Autor so gut, dass ich diesen Text liebe? Was kann ich mir davon abschauen, ohne dass ich ihn kopiere?

Und dann natürlich einfach loslegen. Weg mit dem Perfektionismus, erst einmal losschreiben. Dann kannst du immer noch alles in Form bringen, umstellen, daran feilen, kürzen, eine gute Überschrift überlegen. Was immer sehr gut ankommt: persönlich werden.

Wer tatsächlich heutzutage noch in den klassischen Journalismus will (dazu kann ich niemandem mit gutem Gewissen raten), sollte sich frühzeitig um Praktika oder freie Mitarbeit bei einer Tageszeitung bewerben.

Für Lernbegierige sind die Bücher von Wolf Schneider weiterhin die erste Wahl, wenn man das Schreiben lernen will. Zudem gibt es im Netz – gerade bei den Blogs – jede Menge großartiger Tipps und Hilfsangebote.

Foto: Mischa Miltenberger von Adios Angst - Bonjour Leben
Foto: Mischa Miltenberger von Adios Angst – Bonjour Leben
  1. Danke für diesen tollen Artikel….ich liebe den Wald und habe dort die größten Ängste und genau deswegen werde ich mit meinem Hund durch die Vogesenwälder wandern. Manchmal habe ich auch das Gefühl daß mein Perfektionismus seinen Ursprung in meinen Ängsten hat
    Liebe Grüße
    Rosemarie

    1. Liebe Rosemarie,
      das nenn‘ ich mutig! Ich wünsche dir viele gute Erfahrungen und einen inspirierenden Weg für dich! Das mit dem Perfektionismus könnte gut sein. Dahinter mag man seine Unsicherheit oftmals verstecken.
      Liebe Grüße und alles Gute,
      Julia

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