Ein Unfall in Vietnam. Oder: Warum ich als Linkshänderin nur mit rechts mit Stäbchen essen kann

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Alles dreht sich, mein Kopf fühlt sich an, als würde in ihm ein Gewitter aufziehen. Ich stehe in einem kleinen Waldstück am Straßenrand, halte mich an einem Stamm fest und kämpfe gegen die Übelkeit.

Doch fangen wir von vorne an. Vor einer guten Woche sind wir in Bangkok gelandet, der Stadt mit dem längsten Namen der Welt, nämlich Krung Thep Mahanakhon Amon Rattanakosin Mahinthara Ayuthaya Mahadilok Phop Noppharat Ratchathani Burirom Udomratchaniwet Mahasathan Amon Piman Awatan Sathit Sakkathattiya Witsanukam Prasit, was zusammengefasst ungefähr Stadt der Engel bedeutet. Kurzerhand haben wir uns entschieden zuerst einen Abstecher nach Vietnam zu machen. Über Ho-Chi-Minh-City, dem früheren Saigon, sind wir mit der Propellermaschine auf Vietnams größte Insel mit dem wohlklingenden Namen Phu Quoc.

Phu Quoc, das ist wortwörtlich da, wo der Peffer wächst. Das zweite Standbein der Insel ist die Fischsaucenproduktion. Sie gilt als Delikatesse und wird in die ganze Welt verschifft. Ansonsten gibt es eine handvoll Hotels, einen Fischmarkt und im Großen und Ganzen eine Hauptstraße. Das Koh Samui vor 30 Jahren heißt es. Und tatsächlich, viele der Strände sind noch vom Tourismus unberührt. Direkt am Meer stehen kleine Geräteschuppen, Autoreifen stapeln sich daneben und Kühe drehen ihre Runden durch den Sand. Ganz im Süden seien die Strände besonders schön und deshalb beschließen wir, mit den Rollern einmal die Insel zu umrunden und diesen Stränden einen Besuch abzustatten.

Gestern hatten wir bereits Roller gemietet und die nähere Umgebung erkundet. Gas hier, Bremse da, Helm auf und los. So schnell mietet man in Asien einen fahrbaren Untersatz. Vorkenntnisse sind nebensächlich. Mit einem „be careful“ entlässt uns die Dame auf die Straße. Zuerst etwas wackelig aber später immer mutiger und schneller heizen wir über die rostroten Sandpisten. Wir weichen im letzten Moment wildwechselnden Kühen aus, fahren durch traditionelle Fischerdörfer und über Brücken, die aus mehr Lücken als Holzbretter bestehen. Wir irren stundenlang über kleine Pfade im Dschungel, müssen eine schwangere Frau bezahlen, damit sie uns wieder auf den rechten Weg bringt und bahnen uns unseren Weg durch den lebhaften und menschenüberfüllten Markt. Wir sind euphorisiert.

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Heute also fahren wir gen Süden. Den Großteil der Strecke wollen wir auf der Hauptstraße zurücklegen, die als einzig geteerte Straße schnelles Vorankommen verspricht. Sie ist breit, Lastwagen rasen an uns vorbei aber das Verkehrsaufkommen hält sich in Grenzen. Wir sind erst wenige Kilometer gekommen, ich genieße die Fahrt, fühle mich sicher, als alles plötzlich furchtbar schnell geht, obwohl es mir in der Erinnerung wie in Zeitlupe erscheint.

Ich sehe, dass meine Freundin, die vor mit fährt, unvermittelt nach rechts ausweicht. Ich erschrecke, lenke ebenfalls nach rechts, versuche das Gleichgewicht zu halten, als sie vor mir ins Schleudern gerät und hinfällt. Ich versuche auszuweichen, erwische aber ihr Hinterrad und stürze ebenfalls. An die nächsten Momente erinnere ich mich nur verschwommen. Ich weiß, dass ich erleichtert feststelle, dass ich alles bewegen kann, nichts gebrochen. Wir stehen unschlüssig neben unseren Rollern, als zwei Männer anhalten und uns beim Aufrichten helfen. Sie schieben die Roller an den Straßenrand, vergewissern sich, dass uns nichts Schlimmes passiert ist und fahren davon.

Mir wird schlecht und mein Hinterkopf dröhnt (ich danke meinem Helm) und gehe ein paar Schritte in das Waldstück, um mich zu übergeben. Ich weiß nicht wie lange wir schon am Straßenrand sitzen, es kommt mir ewig vor. Einheimische fahren an uns vorbei, zeigen in Richtung Dorf, um uns zu signalisieren, dass dort einen Arzt gibt. Eine Frau kommt zurück, schmiert auf unsere zahlreichen Schürfwunden eine rote Paste und wir danken ihr ohne große Worte aber von Herzen. Ich merke, dass ich meinen Ellbogen nicht richtig bewegen kann, Annas Knie schwillt an und unsere Abschürfungen an Armen und Beinen brennen, aber uns ist bewusst, welches Glück wir hatten. An die vorbeirasenden LKW’s will ich nicht denken.

Nach einiger Zeit überlegen wir, was wir tun. Irgendwie müssen wir ja schließlich zurück. Wir gehen ein paar Schritte, prüfen, wie es um uns bestellt ist und beschließen, uns mit unseren ramponierten aber fahrtüchtigen Rollern auf den Heimweg zu machen. Ängstlich und im Schneckentempo fahren wir zum Hotel, wo uns schon von Weitem die Rollerverleiherin erblickt und die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: „I told you to be careful“, ruft sie. Ähm ja. Sorry.

Die nächsten Tage verbringen wir im Bett. Versorgen unsere Wunden mit Wund(er)pflastern und Bandagen. Zum Glück sind wir zu zweit, ersetzten uns gegenseitig wenn nötig Arm und Bein. Auch die nächsten Wochen sind wir gehandicapt, ich kann mich weder alleine anziehen noch als Linkshänderin meine linke Hand benutzen, aber wir sehen durchaus die Vorteile. Unsere Bandagen sind ein prima Gesprächseinstieg, ich hätte nie gelernt mit rechts mit Stäbchen zu essen, nie wären wir bei der Rentnerkaffeefahrt über den Mekong mitgefahren. Und: mein „Vietnam-Tattoo“ am Unterarm, die Narbe, erinnert mich bis heute an eine unvergessliche Reise.

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