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…damit sich meine Ängste in Geschichten verwandeln

4. Dezember 2014

in Geschichten verwandeln

Es ist drei Uhr in der Nacht und wir sitzen im Badezimmer unseres Bungalows. Auf der anderen Seite der Badezimmertür lauert eine Monsterspinne mit beigefarbenem Fell. Doch sie ist nicht der Grund, warum wir die Nacht im Badezimmer verbringen, sondern der Taifun, der über das nicht gerade stabil wirkende Wellblechdach hinwegfegt. Der Sturm bringt die Wände zum Wackeln, Kokosnüsse fallen auf das Dach und wir suchen im einzig gemauerten Raum etwas Deckung. Wir haben Angst. Angst davor, dass die Hütte wegfliegt, Palmen oder Kokosnüsse durch das Wellblech krachen und uns erschlagen.

Die Taifungeschichte ist damit lange nicht zu Ende erzählt und ich berichte euch schon bald ausführlicher davon. Auch vom Rollerunfall in Vietnam und krassen Situationen in Indien, doch darum soll es hier nicht gehen, nicht jetzt. Ich will euch von etwas Grundlegendem, ja, etwas Existenziellem erzählen: der Angst und was sie mit meinen Reisen zu tun hat.

„Hast du keine Angst?“

„Ich würde mich das ja nicht trauen.“ Vergewaltigungen, Krankheiten, Naturkatastrophen, das sind womöglich die ersten Schlagworte, die bei einigen im Kopf aufploppen, wenn man von Reisen nach Indien, Vietnam oder Thailand erzählt. Immer wieder, aber gerade vor meiner Indienreise, bekam ich solche Reaktionen von Familie und nicht so reisebegeisterten Freunden zu hören. Sie schwankten meist irgendwo zwischen Bewunderung und dem Zweifel an meiner Zurechnungsfähigkeit.

Diese Reaktionen erwecken den Eindruck, ich sei mutig. Doch ganz ehrlich, das bin ich nicht. Ganz im Gegenteil, ich bin ein echter Angsthase. Ich war als Kind schon immer die, die lieber erst einmal daneben steht und beobachtet. Den Baum bin ich nur bis zum ersten Ast hochgeklettert, ich bin nie vom 3-Meter-Brett gesprungen und bis heute kann ich meine Augen unter Wasser nicht aufmachen aus Angst, dass es brennt. Ich war weder impulsiv, noch waghalsig und schon gar nicht mutig. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich mache mir grundsätzlich immer zu viele Sorgen, grübele zu lange nach. Überlege, was alles passieren könnte und wie ich dann am besten reagiere.

Vielleicht habt ihr es an der Einleitung bemerkt, ich habe sozusagen Glück mit dem Pech. Ich ziehe, so scheint es, das Unglück magisch an. Wenn ich im März nach Asien fahre, sind es in Deutschland plötzlich über 20 °C und wir sitzen frierend im strömenden Regen, wenn ich in ein Auto steige, springt es nicht mehr an, ich habe immer das letzte Blatt vom Toilettenpapier und überhaupt geht bei mir immer alles kaputt. Ja, ich gebe es zu: Es könnte auch an meiner eher pessimistischen Grundeinstellung liegen. Aber das ist wohl Ansichtssache.

Also, Fakt ist: Ich bin ein kleiner Schisser.

Aber: Ich bin auch neugierig und unglaublich ungeduldig. Ich wollte schon immer alles sehen, am besten auf der Stelle; wollte wissen, wie es da draußen so ist. Da draußen, das heißt außerhalb von meinem Heimatdorf, in dem ich so behütet und wunderbar aufgewachsen bin. Außerhalb von München, meiner Studienheimat, außerhalb von Berlin, meinem Wohnort.
Nach dem Abi nach Australien, Praktikum in Argentinien, was vor einigen Jahren noch die absolute Ausnahme war, ist heute gang und gäbe. Doch nur weil andere Dinge tun, heißt es nicht, dass der Schritt für einen selbst nicht groß ist.
Geschichten hören ist die eine Sache, etwas am eigenen Leib erfahren, die andere. Erfahrungen bekommt man nicht Second-Hand.
Ich wollte raus aus der behüteten Heimat. Das Leben in den Großstädten ausprobieren und dann auch raus aus Europa und rein in die fremde große Welt.

Mit eigenen Augen wollte ich die Farben der indischen Saris sehen oder Reisfelder wie im Bilderbuch. Wollte die Kühe im Straßengetümmel anfassen, Schmetterlinge sehne, die handflächengroß sind und einmal im Dschungel stehen.
Und deshalb habe ich meinen Rucksack aufgesetzt und bin los. Mit Ängsten im Gepäck, aber mindestens genauso viel Neugierde.
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Und dann? Alles halb so wild und sämtliche Sorgen waren umsonst?

Nein, so war das ganz und gar nicht. Zumindest nicht immer. Die Angst geht nicht mit dem ersten Schritt.
Ich stand gefühlte Ewigkeiten an vietnamesischen Straßenkreiseln. Roller, Autos, Lastwagen, Busse, Karren, alles auf einmal, keine Lücken, keine Ampel. Ich war unfähig, die Straße zu überqueren, bis ein älterer Herr mich bei der Hand nahm und über die Straße führte. Ich verbrachte Stunden mit nassgeschwitzten Händen in indischen Bussen, die mit atemberaubendem Tempo die Bergpässe hinaufrasten. Ich wartete mit zweitausend anderen Menschen am Hafen von Thong Sala auf die Navi, die uns evakuieren sollte und ich musste unzählige Male meine Tränen verkneifen, wenn ich mit meiner Mutter telefonierte.
Ich hatte manchmal so viel Angst, dass ich nicht mehr wusste wovor eigentlich und es gab Tage, da wollte ich nicht mal nach Hause, weil mir selbst der Weg zum Flughafen zu viel gewesen wäre. Ich kam öfter als einmal in eine unangenehme Situation. Ich sah Armut, Krankheit und Tod.

Doch nie im Leben war ich mutiger, freier und lebendiger als am anderen Ende der Welt. Mit jeder Angst, der ich mich stellen musste, bin ich ein Stück gewachsen. Ich habe dazugelernt, wurde selbständiger. Ich habe Erfahrungen gesammelt und bin stärker geworden, als ich es je zuhause hätte werden können.

Ja, ich habe noch immer Angst. Auch beim hundertsten Manöver des Tuk-Tuk-Fahres, der nächsten Riesenspinne im Bungalow und selbst zuhause, im Berliner Straßenverkehr. Es stimmt nicht, dass die Ängste auf einmal weg sind, nur weil man manchmal mutig ist.
Manchmal, da habe ich sogar ganz große Angst vorm Sterben. Dann, wenn mir mal wieder die Vergänglichkeit des Lebens ganz unvermittelt vor Augen geführt wird. Leben ist gefährlich und es endet unweigerlich mit dem Tod, so viel steht fest. Und ich lerne das zu akzeptieren.

Die Ängste sind nicht weg, aber, ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich nehme sie einfach nicht zu ernst. Oder anders gesagt: Gerade durch meine Angst, schätze ich all meine Erlebnisse, meine Erfahrungen viel mehr. Ich erlebe sie ganz bewusst, entscheide mich ganz bewusst.
Noch hundert Mal will ich Teil des asiatischen Straßenchaos‘ sein, noch zig Mal bekämpfe ich meine Spinnenphobie und ich trotze alle Stürmen. Denn ich will weiter wachsen, lernen und noch so viel mehr sehen und vor allem will eines:
Ich will, dass meine Ängste zu Geschichten werden.

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  1. Siehste, das ist doch genau der richtige Weg: Angst hat jeder, manche vielleicht etwas mehr, wie du – aber es gibt eben auch sehr viele, die sich diesen Ängsten nicht stellen und einfach auf dem heimischen Sofa sitzen bleiben. Und fühlt man sich mit Angst nicht auch richtig lebendig?

  2. Genau so einen Beitrag hatte ich auch mal vor Augen. Weil ich ähnlich ängstlich bin und vor Spinnen den größten Schiss habe.
    Aber ja, gleichzeitig will ich auch was sehen, was erleben und mich herausfordern.

  3. Lange Reisen in andere Länder – das ist, was ich mag. Interessante Völker, neue Locations, neue Erfahrungen… Für den Fall, dass ich weit reisen will, favorisiere ich, zu jetten – das schont sicherlich unglaublich viel Zeit. Aber sofern man gerade viel unbelegte Zeit hat, lohnt es sich auch, mit dem Bus zu reisen: man kann während der Reise viel mehr vom Platz aus sichten. Habe immer selbstverständlich bei der Aufbereitung viele Erfahrungen auf den Webseiten wie beispielsweise http://www.elumbus-reisen.de/Reisebilder/ durchgeschaut, und das ist der Mühe wert, wenn man eine glückliche Reise durchführen will. Ja, Reisen durchaus befriedigt… :-))

  4. Mutig ist nicht, wer keine Angst hat. Mutig ist, wer seine Angst überwindet und es trotzdem tut.
    Ich würde mich viel von dem nicht trauen, was Du gemacht hast – z.B. alleine, also unorganisiert – in ein exotisches Land reisen.

    „Den Baum bin ich nur bis zum ersten Ast hochgeklettert, ich bin nie vom 3-Meter-Brett gesprungen und bis heute kann ich meine Augen unter Wasser nicht aufmachen aus Angst, dass es brennt. Ich war weder impulsiv, noch waghalsig und schon gar nicht mutig. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich mache mir grundsätzlich immer zu viele Sorgen, grübele zu lange nach. Überlege, was alles passieren könnte und wie ich dann am besten reagiere.“

    Das kenne ich zu gut. Genau das alles ist bei mir auch der Fall. Auch über befahrene Straßen komme ich partout nicht alleine rüber und schließe mich immer einem Einheimischen an und laufe neben ihm her. Tja, da müssen wir wohl durch :-/

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