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Violetter Schnee

12. Februar 2019

Pieter Bruegel der Ältere und eine Szene aus dem Film „Solaris“ – es sind starke Bilder, die der Oper „Violetter Schnee“ den Rahmen geben. Als Kunstgeschichtlerin werde ich bei Bruegel hellhörig. Das zwielichtige Schneebild mit Solaris-Atmosphäre – das hört sich nach einem Stück an, das genau meinen Geschmack treffen könnte.

Ein Welt in Schnee

Inhaltlich umspannt „Violetter Schnee“ ein überschaubares Geschehen: Anhaltender Schneefall hat fünf Menschen in ihrer Ferienwohnung von der Außenwelt abgeschlossen. Sie alle reagieren unterschiedlich auf die ausweglose Situation, die sich in gespenstiger Stille in ein Endzeitszenario verwandelt. Seinen Anfang nimmt das Stück allerdings mit einer Museumsszene. Tanja, gespielt von der Schauspielerin Martina Gedeck, steht vor dem Gemälde „Jäger im Schnee“ von Pieter Bruegel dem Älteren. Im Prolog führt sie mit einer Art Bildbeschreibung den Zuschauer ein. Das auf den ersten Blick unbeschwerte Schneebild offenbart beim genaueren Hinsehen Grauen. Auf dem Winterbild sind viele Menschen, sie laufen Schlittschuh, man sieht Häuser bei denen Rauch aus dem Kamin steigt – so weit, so heimelig. Doch erst, wenn man näher hinsieht, sieht man einen Brand, ins Eis gebrochene Menschen, gar Blutspuren.

Credits: Monika Rittershaus

Gedeck spricht mit dünner, zittriger Stimme. Ihr leichte Lispeln war mir in den Filmen nie aufgefallen. Sie gerät ins Stocken, wirkt verwirrt und verängstigt wie ein verlorenes Rehkitz. Nach der Museumsszene ist man direkt im Geschehen. In einem schicken Haus mit Kamin stehen befreundete Pärchen und ein Mann. Ihre Gespräche bestehen aus einzelnen wiederkehrenden Sätzen und werden immer bruchstückhafter, bis nur noch Wortfetzen bleiben. Jacques, einer der Eingeschlossenen, meint in ihr seine verstorbene Frau zu erkennen, ein Bezug auf Solaris.

Die Gruppe verlässt die Wohnung und begibt sich nach draußen, wo es unaufhörlich schneit. Das Licht ist zunächst diffus, die Stimmung, die über allem liegt eisig. Langsam geht eine fremdartige Sonne auf, die die Schneelandschaft in violettes Licht taucht. Ist diese Sonne das Ende der Welt, ist die Apokalypse gekommen? Das Ende lässt die Oper offen.

Credits: Monika Rittershaus

Eine durch und durch moderne Oper

Bruegels Schneelandschaft, Solaris‘ Verfremdung und der aktuelle Bezug zu wiederkehrenden Naturkatastrophen – all diese Bezüge macht die Oper hochmodern. Die gnadenlose Natur, die Menschen an ihre Grenzen bringt, Endzeitstimmung, das könnte dynamisch und dramatisch sein. Doch „Violetter Schnee“ ist nichts von dem. Stattdessen ist das wiederkehrende Motiv die eisige, eingefrorene Atmosphäre. Dumpfe kalte Apathie, Fremdartigkeit und ein lauerndes Grauen, die Handlung bleibt fast nebensächlich.

Das dargestellte Schneegestöber scheint, wenn man die Schneemassen der letzten Zeit in Bayern vor Augen hat, eher nach Berliner Maßstab gewählt worden zu sein. Die rohe Naturgewalt durch den Dauerschnee kann man hier nicht so recht finden. Das Bühnenbild ist allerdings sehr gelungen. Von der übergroßen Projektion des Bruegel-Gemäldes bis hin zur Präsentation des Innen- und Außenraums werden die Möglichkeiten der Bühne ideal genutzt. Das Staatsorchester liefert dazu den passenden Klang. Von zarten leisen Tönen bis zum fulminanten Klangerlebnis trägt die Musik die Aussichtslosigkeit und Dramatik, die auf der Bühne nicht so ganz aufkommen will. So interessant die Bezüge zur Kunst, zum Film und auch der aktuelle Bezug zu drohenden Naturkatastrophen ist, so gelungen das Bühnenbild, ein wenig mehr Dynamik auf der Bühne, eine klarere und etwas ausgearbeiterte Handlung statt Fokus auf Stimmung, hätte dem Zuschauererlebnis gutgetan. So wäre der theoretische Überbau noch mehr fühlbar geworden. Was hier am Ende bleibt ist eine Schwere auf der Brust, die durchaus so gewollt ist.

Violetter Schnee (OPER (2019),
Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden

MUSIK: Beat Furrer, TEXT: Händl Klaus basierend auf einer Vorlage von Vladimir Sorokin in der Übersetzung von Dorothea Trottenberg

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