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Städetrip Chemnitz: Weder grau noch braun

13. November 2018

Chemnitz – es sind momentan leider nicht die schönsten Assoziationen, die einem zu dieser Stadt einfallen. Rechtsextreme Ausschreitungen, Krawalle, Bombendrohungen. Als ich erzähle, dass ich eine paar Tage nach Chemnitz fahre, ernte ich irritierte Nachfragen: Bist du da als Journalistin unterwegs? Wegen den Ausschreitungen? Fährst du auf ne Demo? Auf die Antwort „Ich mache einen Städtrip“ ernte ich ungläubige Blicke. Aber ich bin mir einfach sicher: Chemnitz ist sehenswert und #wedergraunochbraun. Und das will ich mir (und auch allen anderen) beweisen.

Hohe Platten, breite Straßen – DDR pur

Als ich in Chemnitz ankomme, ist erst einmal gar nichts bunt: Statt dem goldenen Herbstwetter der letzten Tage ist Nieselwetter angesagt. Grau, wohin das Auge reicht. Doch auf meinem Weg durch die Stadt fallen mir sofort die Transparente auf, die an einigen Orten hängen. Am Haus der Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz hängt das Banner „Für eine tolerante, weltoffene und gewaltfreie Stadt“, ich laufe weiter und komme an einem der Wahrzeichen der Stadt vorbei, dem Karl-Marx-Monument, von den Bewohnern liebevoll „Nischel“ genannt. Auch hier hängt groß: „Chemnitz ist weder grau noch braun“, der neue Slogan der Stadt, initiiert von Chemnitzer Bürgern, Unternehmern und Wissenschaftlern.

Für meine zwei Tage in Chemnitz habe ich mir vor allem zwei Dinge ins Programm gepackt: Kultur und Essen, meine liebsten Hobbys. Da nach der Zugfahrt mein Bauch knurrt, mache ich mich direkt auf den Weg zum Restaurant Janssen für ein Mittagessen. Ich bestelle mir vegane Nudeln mit Chili und Tofu und komme erst einmal in Ruhe an. De Atmosphäre ist herzlich, das Essen gut aber ich merke, dass es hier bei schönem Wetter auf der Terrasse oder am Abend sicherlich etwas atmosphärischer wäre. Nachdem mein Magen gefüllt ist, geht es schon direkt los mit dem Kulturprogramm. Ich besuche das SMAC, Sachsens Archäologisches Museum Chemnitz. Ich habe schon gehört, dass es ein gutes Museum sein soll, da ich jetzt aber ehrlich gesagt nicht der größte Fan von Archäologischen Museen bin, erwarte ich nicht zu viel. Das Museum befindet sich im ehemaligen Kaufhaus Schocken. Die Geschichte des Kaufhauses von Bau über Zweiten Weltkriege bis DDR kann man ebenfalls im Museum in der Erkerausstellung erfahren. Viele gehen wohl vorbei, doch ein Abstecher lohnt sich.

Das Museum selbst ist auf vier Ebenen aufgeteilt und dokumentiert sage und schreibe 300.000 Jahre Menschheitsgeschichte und das auf spektakuläre Art. Von den Anfängen des Menschen über Leben im Mittelalter bis hin zur Geschichte der Region in jüngere Vergangenheit reicht das Themenspektrum. Ich merke schnell, dass aus meinen Plan „mal kurz durchgehen“ nichts wird. Ich lese mich fest, höre Interviews, schaue die interaktive Karte Sachsen zur vollen Stunde an und bewege mich nur langsam die Stockwerke hinauf. Ich bin begeistert und richtig gefesselt! Das Museum ist interaktiv und barrierefrei. Man kann überall etwas anfassen, reinschauen, anhören, das macht wirklich Spaß.

Mein Hoteltipp, das alexxanders: Anders wohnen, anders essen, anders feiern

Nachdem ich mich ausgiebig der Geschichte der Welt allgemein und Sachsen im Speziellen gewidmet habe, laufe ich zu meinem Hotel. Ich werde für zwei Nächte im alexxanders übernachten. Das Hotel hat sich auf die Fahnen geschrieben, anders zu sein als der Durchschnitt. Zum alexxanders gehört ein Restaurant, das Hotel und das Boardinghouse mit Apartments für längere Aufenthalte.

Ich werde herzlich begrüßt und bekomme das Zimmer gezeigt. Es ist ein großzügiges Eckzimmer mit einem riesigen Bett, Blickfänger ist aber die freistehende Badewanne. Das Tolle: Optisch ist die Badewanne ins Zimmer integriert, doch eine Glasscheibe trennt Badezimmer und Schlafzimmer. So wird es im Badezimmer schön warm, im Schlafzimmer bleibt es trocken und der WC-Bereich samt Dusche ist blickgeschützt. Das Zimmer selbst ist im Industrial-Look eingerichtet mit viel Liebe zum Detail. Das Kopfende am Bett ist gleichzeitig ein Raumtrenner, der mit einem Lost-Place-Bild den sächsischen Industriecharme aufgreift. Besonders gut gefallen mir die vielen Sitzgelegenheiten. Gerade wenn man mal am Laptop arbeiten will, kann man zwischen Bett, Schreibtisch, Sitzbank und Sesseln wechseln. Ich mache es mir im Bett gemütlich und werfe einen Blick in die Hotelmappe und freue mich über die vielen Tipps. Museen und Ausflugsziele für ganz unterschiedliche Geschmäcker machen Lust auf Entdeckungen.

Am Abend bin ich mit Mitarbeiterin Anna zum Abendessen verabredet. Bei einem Pfälzer Wein und Dinkelspätzle kommen wir ins Gespräch. Auf der Speisekarte stehen Fleischgerichte, aber auch Vegetarier kommen auf ihre Kosten. Es gibt vegetarische Gerichte und sogar die Möglichkeit, sich sein Essen im Bowl-Stil selbst zusammenzustellen. Anna erzählt mir vom Konzept des Hauses. Vor allem in der Küche legt das alexxanders größten Wert auf Regionalität bei Gemüse und Fisch. Es gibt sogar einen eigenen Wildhändler aus der Region. Was in der Küche an Nachhaltigkeit schon umgesetzt wird, befindet sich im Hotel noch in der Warteschleife. Doch auch die Einwegverpackungen im Hotelzimmer sollen bald der Vergangenheit angehören. Alles auf einmal kann man als kleines Unternehmen nicht stemmen. Was ich besonders interessant finde ist, dass sich der Chef sozial und in der Stadtentwicklung engagiert. Mal gibt es Kochprojekte mit Kindern in der Restaurantküche, mal sind es Treffen mit anderen Unternehmern der Stadt zum Ideensammeln und Pläneschmieden.

Die excellente Küche hat sich herumgesprochen, denn das Restaurant ist gut gefüllt, nicht nur mit Hotelgästen, sondern auch mit Menschen aus der Nachbarschaft. Man kennt sich, der Service ist aufmerksam und kompetent, die Atmosphäre gemütlich und freundlich. Nachdem wir uns ein wenig verquatscht haben, verabreden wir uns für ein Treffen am nächsten Tag. Anna will mir die Eventlocation pumpwerk eins zeigen, das ebenfalls zum alexxanders gehört. Ich gehe ins Zimmer und gönne mir das, auf was ich mich schon die ganze Zeit gefreut habe: Ein Bad in der freistehenden Badewanne. Danach falle ich todmüde ins Bett und höre dem Wind und Regen zu.

Am nächsten Morgen geh ich erst einmal in Ruhe frühstücken und freue mich, dass ich kaum Einwegverpackungen finde. Nur das Nutella ist einzeln verpackt, ansonsten gibt es Marmelade aus dem Glas, eine schöne Käseauswahl, Wurst, Müsli, Frischkäse, Obst verschiedene kleine Brötchen (was ich sehr mag, da man sich durchprobieren kann) und süße Teilchen. Ich bekomme noch Kaffee und Rührei, dann mache ich mich auf zur Verabredung mit Anna, die mich am Pumpwerk erwartet. Die Eventlocation wird für Hochzeiten, Tagungen, Weihnachtsfeiern und andere Events vermietet und ich bin sofort vom Industriecharme entzückt, damit kriegt man mich immer. Anna erzählt mir von verschiedenen Events und den unterschiedlichen Möglichkeiten, wie man den Ort nutzen kann. Wer will, mietet gleich den Event-Smoker mit dazu, den man ebenfalls über das alexxanders-Team buchen kann. Rund 120 Leute passen in die Location. Das Besondere: Das Pumpwerk ist immer noch in Betrieb. Neben Schaltanlagen und Pumpen gibt es Backsteincharme und hohe Decken. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie die Location schön geschmückt aussieht. Wer also auf der Suche nach einer besonderen Location im Osten Deutschlands ist, sollte mal einen Blick auf das Pumpwerk werfen.

Foto: alexxanders

Endlich Farbe: Chemnitz ist bunt!

Ich mache mich auf den Weg zum Kulturprogramm. Punk Nr.1: Das Museum Gunzenhauser. Dort gibt es gerade eine Ausstellung über Rupprecht Geiger. Das darf ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Schon zu Studienzeiten in München habe ich mir eine Retrospektive angeschaut und eine Kommilitonin von mir arbeitete für den Künstler und hatte sogar ein Original im WG-Zimmer. Ich betrete die Ausstellungsräume und bin sofort geflasht von den Farben. Grelles Neon-Pink, Orange, Gelb. Das ist Kunst, die bei mir richtig körperlich wirkt. Die leuchtende Farbe spiegelt sich im Boden und ich könnte diese Farbflächen ewig bestaunen, wenn ich davon nicht ein wenige Migräne bekommen würde. So simpel die Bilder wirken, weiß ich, wie viel der Maler probierte und experimentierte, um die Farbe ebenmäßig zu verteilen. Kleine Modelle zeigen die Beschäftigung mit der Farbwirkung und ich bin immer wieder tief beeindruckt. Aber auch der Rest des Museum imponiert. Vor allem das Herzstück des Hauses, die Otto-Dix-Ausstellung ist beeindruckend und zeigt mir eine Seite des Künstlers, die ich vorher nicht kannte.

Danach bin ich ein bisschen erschöpft und mache vor meinem nächsten Museumsbesuch einen Zwischenstopp im Amercian Diner Mr. Meyers. Aus den Lautsprechern kommen amerikanische Rocksongs, die Service-Kräfte haben filmreife Dienstkleidung an und an die Wänden sind über und über mit Werbe-Blechschilder geschmückt. Ich schlürfe eine Fanta, esse einen vegetarischen Hot Dog, streichele den Hund neben mir und komme wieder zu Kräften. Dann geht es in Industriemuseum. Das Gebäude allein ist überwältigend. Ich schlendere durch die Industriegeschichte der Region, verliebe mich in einen Trabi mit Dachzelt und bin überrascht, wie schnell die Zeit vergeht. Zum Abschluss schaue ich mir noch die Fotografieausstellung „Fokussiert. Die Fotografenfamilie Billhardt“ an und bin tief beeindruckt. Ich hatte vorher noch nichts von der Fotografen-Dynastie gehört und bin wirklich froh, dass ich die Ausstellung nicht ausgelassen habe. Nach dem Museum bin ich platt und sehne mich nach meinem Hotelzimmer. Füße hochlegen, eine Runde Gilmore Girls schauen. Was will man mehr?

Jüdisches Kulturzentrum und Restaurant Schalom

Auch wenn ich nach dem Museumstag ziemlich müde bin, will ich mir einen Besuch im Schalom nicht entgehen lassen. Das jüdische Restaurant kam leider immer wieder durch Angriffe von Neonazis in die Medien. Mal Hakenkreuz-Schmierereien, mal Sachbeschädigungen, Hitlergruß und gar Angriffe auf den Besitzer Uwe Dziuballa mit Flaschen und Steinen. Ich könnte kotzen, wenn ich so etwas höre und so ist der Besuch im Schalom definitiv ein Pflichtbesuch für mich. Als ich ins Restaurant komme, ich hatte glücklicherweise reserviert, sind fast alle Plätze besetzt. Überall wird angeregt geredet. Am Tresen plaudern Gäste mit Herrn Dziuballa, Lars Ariel ist unterdes ins Gespräch mit einer Gruppe am Tisch vertieft. Hier sind Meister des Small-Talks am Werk, habe ich das Gefühl. Ich schnappe Gespräche über Politik, über Essen und Reiseanekdoten auf.

Auch ich werde sofort herzlich begrüßt und bekomme die Karte, die man angepasst an die hebräische Schrift von hinten nach vorne liest. Was mir als nächstes ausfällt ist der Satz „Wir sind in Deutschland nicht nur zu Besuch“, das betont Besitzer nicht nur in der Karte, sondern auch gegenüber der Presse, wie zum Beispiel im Gespräch mit dem mdr:

„Wir sind Deutsche jüdischen Glaubens“ sagt der vor 53 Jahren in Karl-Marx-Stadt geborene Gastronome.

 

Als er einige Zeit in den USA lebt, begeistert ihn, wie selbstverständlich das jüdische Leben in der New Yorker Gesellschaft integriert ist. Zurück in Chemnitz beschließt er mit seinem Bruder im Jahr 2000 das koschere Restaurant zu eröffnen. Die Stadt habe eine starke jüdische Geschichte und sie wollten, zumindest auf kulinarischer Ebene, daran anknüpfen, normales, jüdisches Leben ins Stadtbild bringen, sagt Uwe Dziuballa dem mdr und so sieht sich das Schalom nicht nur als Restaurant, sondern als Treffpunkt für die jüdische Gemeinschaft.

Ich bestelle eine koscheres Bier und etwas Vegetarisches ohne Zwiebeln. Diese Bestellung löst in vielen Restaurants Kopfschütteln und ratlose Gesichter aus und auf dem Teller landen dann doch meistens meine ungeliebten Zwiebeln aber im Schalom ist man auf Extrawünsche eingestellt. Ich bestelle Blinzes, eine Art Pfannkuchen mit Gemüse und Sauce. Während ich auf das Essen warte, lese ich mich durch die Karte und beobachte die Menschen im Restaurant. Tische wurden zusammengeschoben, es wird gelacht und ich fühle mich richtig wohl. Im Gastraum gibt es viele Bücher und Fotos und man kommt man sich ein wenig wie in einem sehr lebendigen Museum vor. Das Essen kommt überraschend schnell und ich schlage mir den Bauch mit wahnsinnig frischem und aromatischen Gemüse voll und trinke gemütlich mein Feierabendbierchen. Mit Herrn Ariel rede ich noch ein wenig über hebräische Schrift, ihm ist nämlich aufgefallen, dass ich mit links in mein Notizbuch schreibe und wie praktisch das für hebräisch sei, und über vegetarisches Essen. Das für mich Tolle am koscheren Essen für mich ist nämlich, dass durch die Zubereitungsvorschriften in keiner der verwendeten Pfannen oder Schneidebretter vorher Fleisch war, da wird strikt getrennt. Das kommt mir gelegen.

Ich verlasse das Restaurant mit einem wohligen Gefühl und mache mich zu Fuß auf dem Heimweg. An den Bushaltestelle fällt mir auf, das keine Busse fahren wegen eines Polizeieinsatzes. Ich google kurz, um in Erfahrung zu bringen warum und lese, dass es eine Bombenwarnung gab, mittlerweile gab es vier Drohungen innerhalb von zwei Wochen. Zum Glück stellt sich nach einigen Stunden die Warnung als Fehlalarm heraus, doch mir fällt vor allem die Reaktion der Leute auf: Gelassenes Schulterzucken, die Frage ist, ob der Bus später wieder fährt, aber man lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Am letzten Morgen besuche ich das Kulturkaufhaus Tietz. In einem ehemaligen Kaufhaus befinden sich heute verschiedene Einrichtungen wie die Stadtbibliothek oder das Naturkundemuseum. Ich interessiere mich vor allem für das Insektarium und mache mich zielstrebig dorthin auf den Weg. Ich gehe zu den Terrarien und beobachte interessiert Käfer und Ameisen erschrecke fast zu Tode, als ich mich umdrehe und eine riesige Vogelspinne prominent an der Glasscheibe sitzt. In der Kunstsammlungen am Theaterplatz will ich mir noch Caspar David Friedrichs Segelschiff anschauen. Ich habe damals mein mündliches Abitur über C.D. Friedrich gemacht und seitdem eine besondere Beziehung zu seinen Bildern. Wenn es irgendwo ein Bild von ihm gibt, muss ich es besuchen. Bevor ich mich auf dem Weg zum Bus Richtung Berlin mache, besuche ich noch das Café Zoom. Das Café mit integriertem Fotostudio – oder ist es umgekehrt? – hat eine tolle Mittagskarte mit günstigen und kreativen Gerichten. Ich esse eine Kleinigkeit, trinke einen Kaffee und lese noch gemütlich, bevor ich mich ein wenig erschöpft aber glücklich auf den Rückweg mache.

Mein Fazit: Chemnitz hat für einen Tagesausflug oder Kurztrip ein tolles Kulturprogramm und kulinarische Highlights zu bieten. Im alexxanders habe ich mich total wohl gefühlt und kann das Hotel sowie das Restaurant nur empfehlen. Ich habe tolle und inspirierende Gespräche geführt mit Menschen, denen diese Stadt am Herzen liegt, die sich wehren gegen das braune Image. Chemnitz ist weder grau noch braun, Chemnitz ist mehr und das sollte sich herumsprechen! Viele der Dinge, die ich geplant habe, habe ich gar nicht geschafft zum Beispiel das Lokomov, die Zukunft, das Tee- und Café & Tee Kontor, die Markthalle, das Peacefood und, und, und. Also muss ich wohl noch einmal kommen!

Offenlegung: Das alexxanders hat mich für zwei Nächte und ein Abendessen eingeladen, vielen Dank dafür, ich habe mich pudelwohl gefühlt. In die Museen konnte ich dank Presseausweis kostenfrei, alles andere habe ich selbst gezahlt.

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