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Eine Odyssee an der Volksbühne

Vier Stunden Theater, das ist eine Ansage. Als ich mich auf den Weg zur Volksbühne mache, bin ich schon am Gähnen und frage mich, wie ich den Theaterabend überstehen soll. Doch schon beim Betreten des Theatersaal werde ich überrascht und meine Müdigkeit ist wie weggeblasen. Ich bin früh dran und der Saal ist noch recht leer, auf der Bühne ist dagegen schon einiges los. Schauspieler in hautfarbener Unterwäsche bewegen sich im in seltsam steifen Bewegungen über die Bühne, ein monotones Bewegungsspiel in dauernder Wiederholung, das fast schon hypnotische Wirkung hat. Ein Frau im Maleranzug dreht mit Alditüten bepackt immer wieder die gleichen Kreise. Ein Scheinwerfer ist ins Publikum gerichtet, sodass man muss sich schützend die Hände vor die Augen halten muss. Als sich der Saal gefüllt hat, bringen Bühnenmitarbeiter eine rollendes Element mit Flügel, Schlagzeug und Harfe in die Mitte der Bühne. Ein Beat erfüllt den Raum und plötzlich beginnen alle zusammen an den Text der Odyssee im Chor zu rezitieren. Mal schnell, mal stockend, mal nimmt die Musik an Fahrt auf und es wird laut und mächtig. Irgendwann bricht das schiere Chaos aus, der Pianist rennt um seinen Flügel, die Schauspieler werfen Tennisschläger herum und dann wird es wieder still. Die Szenerie zieht mich komplett in den Bann. Ich schmunzele über die älteren Damen, die sich mit entrüsteten Blicken die Ohren zuhalten. Dann kommt auch noch eine WIndmaschine ins Spiel, die den Wind direkt ins Publikum bläst. Ich möchte gar nicht zu viel vom Inhalt verraten, es geht um Kriege, um Gerechtigkeit und die Erkenntnis, die auf großen Letter steht: „Die Wahrheit ist ein Debakel.“

Foto: Vincenzo Laera

Das Bühnenbild ist überwältigend. Riesige Banner, die in Zeitlupe hinabfahren oder hinaufgezogen werden, unzählige Kartons, Panzer, ein herabhängender Elefant, ein überdimensionales Kind, das an die Leiche des Kindes er innert, das in der Türkei angespülte und vorab im Mittelmeer ertrunken war, eine Konfettikanone – man merkt: Es geht imposant zu. Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Ein Satz aus dem Stück wird mir auch in den nächsten Tagen wie ein Ohrwurm im Kopf herumgeistern: „Nostalgie fühlt die Leere der verlorenen Utopie“.

Jella Haase, die mit diesem Stück ihr Debüt an der Volksbühne feiert, wirkt noch ein wenig blass, doch das Stück überzeugt in der ersten Hälfte mit einer gelungenen Mischung aus Klang, Schauspiel und Inszenierung. Passend auch der Beginn der Pause: Die Schauspieler stehen noch immer auf der Bühne, Jella Haase als Helena schreit weiter ihre Parole „Gerechtigkeit“ und nur die Erleuchtung des Zuschauerraums lässt erahnen, dass die Pause gekommen ist.

Nach der Pause sind viele Plätze leer. Die älteren Damen haben die Vorstellung verlassen. Doch der zweite Teil überrascht mit komplettem Kontrastprogramm: Reduziertes Bühnenbild, gesprochene Dialoge. Bei so viel Stille, hätten die Damen ruhig bleiben können. Der zweite Teil holt mich nicht mehr ab. Mir wird die Zeit ein wenig zäh und ich habe den Eindruck, dass das Stück in zwei Stunden besser erzählt gewesen wäre, was bei einer fulminanten ersten Hälfte zu verkraften ist.

Eine Odyssee
nach Homer neu erzählt von Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Volksbühne Berlin

Weitere Termine:

05.10.19, 19:00, 13.10.19, 19:00, 02.11.19, 19:00

*durch meinen Presseausweis habe ich eine Pressekarte bekommen“

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