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Was bedeutet für mich Fernweh?

25. November 2014

Was bedeutet für(1)

Sand zwischen den Zehen, das Rauschen von Palmen in den Ohren, Meeresbrise im Haar: Lange Zeit war Fernweh für mich nicht mehr, als Lust auf Urlaub, die Sehnsucht nach dem Meer, etwas Erholung und Abwechslung zum Alltag. Mittlerweile hat Fernweh für mich eine ganz andere Bedeutung.

Sabine von Ferngeweht fragt in ihrer Blogparade „Was bedeutet für dich Fernweh?“. Diesen Anlass habe ich gerne genutzt, um mir diese Frage selbst zu stellen. Ganz offen und ehrlich. Für die Antwort muss ich etwas tiefer gehen.

Ich glaube ich bin gerade ein Paradebeispiel für die Mittzwanziger-Krise, die vielbeschworene Generation-Y. Ratlos, rastlos, zwischen Euphorie und Zweifeln. Ich habe studiert, bin gereist, bin nach Berlin gezogen, wo alles möglich zu sein scheint. Mit Zuversicht und Mut und Tatendrang.

Doch irgendwo zwischen Studium, Indien und Berlin, da bin ich verloren gegangen.

Langsam und zunächst unbemerkt. Mehr und mehr Fragen verdrängen Gewissheiten. Was will ich arbeiten, wo will ich wohnen, wo sehe ich mich in einem Jahr, in fünf, in zehn? Der schwierige Arbeitsmarkt, die Größe der Stadt, das „Wiedervonvorneanfangen“, Freunde finde, all das hat Spuren hinterlassen und vor allem eine große Ungewissheit.

Ich verliere meine Verankerung im Hier und im Jetzt und stattdessen werfe ich meinen Anker mittenrein ins Fernweh. Meine Gedanken, meine Seele, ist in Indien von letztem Jahr oder reist schon nach Indonesien und Myanmar, bevor mein Körper folgen kann. Wenn ich nicht reise, dann träume ich von fernen Ländern, ich lese davon, ich schaue Reportagen. Ich besuche Orte, die nach Indien riechen, nach Thailand schmecken. Ich gehe meditieren und ins Yoga, damit ich mich erinnere, wie es war auf Reisen. Das Gefühl von Freiheit, vom Weitwegsein. Ich bin immer mehr weg, als hier.

Mein Fernweh ist das Sinnbild meiner Suche. Mich treibt es raus zu all den Optionen. Fast zwanghaft will ich exotische Landschaften sehen, fremde Kulturen und Menschen, die mir zeigen: so kann es sein. Ich möchte alles, alles, alles sehen, bevor ich mich für irgendwas entscheide. Wie kann ich wissen, was ich will, wenn ich nicht alle Möglichkeiten kenne?

Ich bin eine Getriebene, ich ertrinke in Optionen

Und ja, ich weiß auch, dass ich flüchte. Ich flüchte vor dem Alltag, vor Entscheidungen, auch wenn es so oft nur in Gedanken ist. Und so lange es eine Flucht ist, ist es Angst: vor Fehlern, vor Konsequenzen, davor, dass ich mich nicht finden kann.

Mein Fernweh, das schmeckt bittersüß. Weil das Sehnen oft sehr schwer auf meinem Herzen liegt. Doch wenn ich reisen, dann wachse ich über mich hinaus, ich bin mutiger, neugieriger und offener, als ich es je zu Hause sein kann.

Mein Fernweh, das ist mein Antrieb, mein Wegweiser, aber es ist ungeduldig, es will alles, jetzt und unbedingt. Aber mit jeder Reise erschließt sich mir die Welt ein bisschen mehr und mit jeder Erfahrung lerne ich mich selbst besser kennen und Stückchen für Stückchen finde ich auf Reisen mich.

Und ich finde den Mut, Dinge zu ändern, Fragen zu beantworten und Wege zu gehen. Damit ich schließlich lerne im Jetzt zu sein, als Person, die aus mehr als nur aus Fragen besteht.

Und irgendwann, dann wird das Fernweh vielleicht einfach nur wieder die Sehnsucht nach dem Meer sein.

Saigonbeach_bezirizt

 

  1. Hallo Julia,

    jetzt bin ich durch Zufall gerade über deinen Blog gestolpert. Und dein Bericht hat mir den Abend versüßt – so schön geschrieben!

    Lieben Gruß
    Elisa

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