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#WasAndersWäre: Wäre mein Leben als Mann ein anderes?

10. Juni 2015

Wasanderswäre

Gleicht zweimal wurde ich letzte Woche gefragt: Julia, was wäre anders, wenn du ein Mann wärst? Fräulein Julia und Heldenwetter haben mich bei einer Bloggeraktion getaggt, die sich damit beschäftigt, was das Frausein (oder Mannsein) eigentlich für uns bedeutet. Welche Geschlechterrollen spielen für uns noch eine Rolle? Unter dem Hashtag #WasAndersWäre findet ihr eine ganze Reihe von Antworten. Ich finde, da ist eine gute Idee, denn wir sollten alle in erster Line einfach mehr wir selbst sein. Nicht Mann oder Frau.

Was wäre anders in deinem Leben, wenn du ein Mann wärst?

In meinem alltäglichen Leben wäre ehrlich gesagt nicht viel anders. Ich fühle mich nicht vorrangig als Frau, sondern einfach als Person. Ich wurde nicht sonderlich mädchenhaft erzogen, wuchs mit mehr Jungs als Mädchen auf, habe zwei Brüder und konnte mich daheim immer gut durchsetzen. Und das nicht (nur) mit Weinen und Kratzen! Ich fühle mich weder benachteiligt noch bevorzugt. Außer natürlich in der einen Sache, die fast allen Mädchen sofort einfällt: Pinkeln. Diese erniedrigende Kauern im Gebüsch würde ich mir gerne ersparen.

Zum ersten Mal wurde ich mir meine spezielle Rolle als Frau so richtig bewusst, als in Indien unterwegs war. Ich will nicht von Angst vor Vergewaltigung oder ähnlichem anfangen, sondern einfach von der Tatasche, dass es als höflich gegenüber meinem Freund galt, mich zu ignorieren. Beim Abschied aus unserer Unterkunft gab unser Host meinem Freund die Hand, bedankte sich für unseren Aufenthalt und wünschte uns eine schöne Reise. Dabei würdigte er mich keines Blickes, behandelte mich wie Luft. Er meinte das wahrscheinlich nicht böse, sondern wollte Manu nicht brüskieren, indem er mir zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Da habe ich mich zum ersten Mal als zweitrangig empfunden. Und dann hatte ich beim Reisen öfter Momente, in den ich dachte: Es wäre so viel einfacher, wenn ich ein Mann wäre. Sich alleine zu einer Gruppe Männer ans Lagerfeuer setzten, sich auf eine Sitzbank im Bus quetschen, Haut an Haut und all das, ohne sich nur den kleinsten Gedanken an unangenehme Blick oder „zufällige“ Berührungen zu machen.

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Ich tue und mag viele Dinge, die man Frauen zuschreibt: Ich gehe gerne einkaufen, bin Vegetarierin, koche gerne, war reiten und liebe Babytiere. Viel zu sehr sogar. Dafür kann ich weder etwas mit Taschen, noch mit tollen Schuhen anfangen, würde mir niemals die Nägel machen lassen und benutze keine 1000 Cremchen. Ich habe noch nie Dirty Dancing oder Shopping Queen gesehen, muss dafür bei jeder x-beliebigen Frau im Hochzeitskleid weinen. Ich mag Metal, habe keine Angst vorm Dreckigwerden und würde am liebsten nur einmal die Woche duschen.

Ich tue nichts davon nur deshalb, weil ich eine Frau bin. Ich tue es, weil ich ich bin. Es ist Teil meiner Persönlichkeit, die von meinem Geschlecht und sozialen Erwartungen beeinflusst ist, aber eben nicht nur.

Das dachte ich zumindest, ist um ehrlich zu sein aber ein bisschen gelogen. Mir ist nämlich doch etwas eingefallen: Rasieren.

Wenn ich ein Mann wäre, würde ich es einfach lassen. Ich lasse es auch oft genug jetzt schon, denn wer zur Hölle hat die Vorstellung verbreitet, dass Frauen aussehen wie frischgeborene Babys? So ein Bullshit. Ich bewundere jede Frau, die ihre Achselhaare wachsen lässt. Nicht indem sie sie stolz zur Schau trägt, jedem zeigt wie feministisch sie ist, sondern einfach, weil es sich schlicht und einfach nicht interessiert.

Welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

Ich habe es schon oben angesprochen: Ich vermeide Situationen, in denen man auf sein Geschlecht reduziert wird. Zu nahen Körperkontakt, penetrantes Geflirte, oberflächliche Komplimente sind nicht mein Ding. Dazu gehören natürlich auch die Klassiker: nachts allein im Park oder in der U-Bahn. Trotzdem fühle ich mich in keiner Weise eingeschränkt, weil ich eine Frau bin. Ich muss dazu sagen, dass ich mir diese Vorischt ein bisschen angewöhnen musste. In meinem Heimatdorf musste ich daran einfach nicht denken. Im Dunklen von meiner Oma zu unsrem Haus, das dauert genau 3 Minuten und war dann schon das Gefährlichste, was man so machen konnte.

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Frauen klimpern mit dem Wimpern und bekommen jeden Wunsch erfüllt? Sie gehen am Wochenende weg, ohne einen Cent für Getränke zu zahlen? Hauptsache gut aussehen und dann ist der Rest egal? Ich weiß nicht, was ich falsch mache aber bei mir läuft das ganz anders. Aber das ist auch gut so. Ich kümmere mich selbst um meine Sachen, bin eher diejenige, die mal einen Drink ausgibt und ganz sicher bin ich kein Mädchen, dass auf kurzes Röckchen und Ausschnitt zählt. War ich nie und werde ich nie sein.

In welcher Situation ist es von Vorteil, zur Gruppe der Frauen zu gehören?

Ich nutze selten Situationen aus, in denen Frauen bevorzugt werden. Wenn im Bus ein alter Herr einstiegt, bin ich es, die aufsteht. Ich helfe bei körperlichen Arbeiten genauso mit, wie alle anderen. Ich bin so erzogen, dass ich mit anpacke und das hat nichts mit meinem Geschlecht zu tun.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich eher so ist, dass Frauen den Überblick bewahren. Bei mir und meiner Familie ist es aber definitiv so. Wir Frauen sind die Organisatoren, achten darauf, dass alles erledigt wird, nichts in Vergessenheit gerät und trotzdem möglichst entspannt zu bleiben. Entweder ist das eine weibliche Veranlagung, die ich super finde oder eine tolle Eigenschaft, die ich einfach so von meiner Mama geerbt habe, auch gut.

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Ja und zwar so ziemlich jede. Ich weiß, dass Frauen noch oft benachteiligt sind, in vielen Bereichen. Aber in meinem Leben spielt das einfach kaum eine Rolle. Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in dem die Frauen genauso das Dorfleben bestimmen wie die Männer. Ich bin in einer Beziehung, in der alles andere herrscht als traditionelle Rollenverteilung. Das Geschlecht spielt in meinem Leben eine Rolle, wenn ich mich in die Toilettenschlange einreihe und dann, wenn ich schwanger werde. Ansonsten nicht. Basta.

Blueten Staub, travelandlipsticks, Reiseaufnahmen, habt ihr auch Lust die Fragen zu beantworten?

 

  1. Vielen Dank fürs Mitmachen! In deinen Antworten sind noch so einige Aspekte, die ich auch hätte aufgreifen können… Indien ist aber auch speziell. Ist man mit Mann unterwegs, wird man meistens ignoriert, reist man dort allein, sprechen die Männer gerne mit dir – dafür ignorieren einen die Frauen komplett. Anders widerum in Marokko, wo alle immer mit mir, nicht aber mit meinem Mann sprechen wollten. Es ist manchmal echt kompliziert, dieses Mann-Frau-Dingens!

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