Finissage der Ausstellung „NUR EIN AUGENBLICK“ in der Galerie Anna25

Günter Schmid, Kletterparcour, 2015, Fotografie

Günter Schmid, Kletterparcour, 2015, Fotografie

Meine Kunstsparte hier dümpelt so vor sich hin. Dabei gibt es in Berlin ständig spannende Ausstellungen und Events. Ich belebe die Kategorie also kurzerhand mit einem Last-Minute-Tipp.

Am Freitag, den 13.11 findet in der Galerie Anna25 die Finissage zur Ausstellung „Nur ein Augenblick“ statt, für den ich den Pressetext geschrieben habe. Wer sich für die verschiedenen Standpunkte der Fotografie interessiert, sollte die Chance noch nutzen!

Kann ein Massenphänomen Kunst sein? Seit der Erfindung der Fotografie in der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts befassen sich Künstler und Publikum mit dieser Frage. Was
erhebt einen Alltagsgegenstand, der Teil unserer täglichen Wahrnehmung ist zum
Kunstgegenstand? Wo sind die Grenzen zwischen Kunst und Kommerz? Sind diese
Grenzen überhaupt noch zeitgemäß? Im digitalen Zeitalter, wo Handykameras und digitale
Vermarktungsformen immer verfügbar und leicht zu bedienen sind, ist die Fotografie
einerseits beliebiger geworden doch, gleichzeitig im Kunstmarkt geschätzter denn je.
Nehmen wir als Beispiel die Porträtfotografie, genauer gesagt, das Selbstporträt.
Der Drang zur Selbstdarstellung ist ein urmenschliches Phänomen. Die ersten
Selbstporträts von Künstlern wie Albrecht Dürer oder Parmigianino zeugen von den
Anfängen des Individualismus und der selbstkritischen Beobachtung des eigenen Ichs.
Heute ist das Zurschaustellen des eigenen Körpers eher der Gier nach Selbstdarstellung
und Aufmerksam geschuldet.

Thai Ho Pham, Caravaggios Träume, 2012, Ölmischtechnick auf Fotoleinwand, 100x75cm

Thai Ho Pham, Caravaggios Träume, 2012, Ölmischtechnick auf Fotoleinwand, 100x75cm

Thai Ho Pham widmet sich in seiner Serie „Kreislauf der Banalität“ dieser neuen Art des
Porträts, indem er mit der Kamera aufgenommene Porträts und Selbstporträts verfremdet.
Der Künstler druckt zufällig ausgesuchte Schnappschüsse auf Leinwand und übermalt
diese mit Ölfarbe. Durch diesen Akt schafft Thai Ho Pham ein Spannungsfeld zwischen
dem klassischen Motiv der Porträtmalerei und der unbesonnenen Art der Handyfotografie.
Er separiert die Fotos aus dem trivialen Kontext und erhebt sie so aus ihrer Trivialität in die
Kunst.
Eines der klassischsten Themen der Fotografie ist die Architekturfotografie. Als Teil des
Architekturdiskurses nahm die Fotografie von Baudenkmälern vor allem eine
dokumentarische Funktion ein. Der Fotograf Günter Schmid zeigt neben seinen streng
ausgerichteten und mustergültig inszenierten Architekturfotografien auch experimentelle
Arbeiten. Dabei zeigt Schmid ein Wechselspiel zwischen städtischen Bauten und urbanem
Leben. Schmids Fotografien folgen mit ihrer Symmetrie, der Liebe zu Reihen,
Wiederholungen und Zentralperspektive den Prinzipien der Architekturfotografie.
Gleichzeitig reichert der Fotograf sie mit stimmungsvollen Farbspielen, spielerischen
Details und experimentellen Motiven an. Die Menschen in seinen Bildern eigenen sich die
meist städtischen Räume an, in denen sie sich zuweilen verlieren oder in einer
entspannten Selbstverständlichkeit aufhalten.
Holger Zimmermann widmet sich in seinen Fotografien ebenfalls der Architektur. Im
Gegensatz zu Schmid zeigt er in seinen Motiven keine Menschen. Viel mehr zeigt er Orte,
die gerade durch die Abwesenheit von Besuchern eine besondere Bedeutung erlangen.
Seine Fotografien von verlassenen Orten erzählen vom Verfall und der Vergänglichkeit.
Schwimmbäder, Kirchen und Wohnhäuser, die durch ihre Besucher an Funktion
gewannen, sind nach der Stilllegung ihrem Schicksal überlassen und somit ihrer
Daseinsberichtigung beraubt. Zurück bleiben Häuser, deren früherer Glanz langsam
verblasst. Die Werke zeigen einen morbiden Charme, der von Sehnsüchten zeugt und den
Blick stets in die Vergangenheit richtet. Im Laufe der Zeit, durch Vandalismus und Abriss,
sind die Orte trotz ihrer Rückwärtsgewandtheit steter Veränderung ausgesetzt.
Zimmermanns Fotografien sind somit Momentaufnahmen, die die Vergänglichkeit im Bild
fixieren.
Eine ganz andere Art, sich dem Medium Fotografie zu nähern, findet Raymond Gantner.
Mit seinen chemischen Analogfotografien verzichtet er gänzlich auf Gegenständlichkeit.
Wo Fotografie gerne mit Inszenierung und präziser Planung punktet, macht sich Gantner
den Zufall zunutze. Der Künstler löst sich so nicht nur von der an ihn herangetragen
Erwartungshaltung, er interpretiert die Fotografie auf neue Art und Weise.
In der Freiheit der Motive und Arbeitsweise knüpft der Fotograf an das Prinzip der
Dekonstruktion an. Wie auch die Dekonstruktivisten wagt sich Gantner an das analytische
Auflösen von Strukturen bis zur Unkenntlichkeit, propagiert die Bedeutungsfreiheit und den
Mut zur sogenannten „Sinnlosigkeit“. Anknüpfend an den Dadaismus kann hier spielerisch
mit Sinn und Unsinn, mit Bedeutung und Interpretation der Kunst umgegangen werden
und das mit dem dafür untypischen Medium der Fotografie.

Raymond Gantner, o.T., 2014, chemische Analogfotografie, 24 x 18 cm

Raymond Gantner, o.T., 2014, chemische Analogfotografie, 24 x 18 cm

Finissage13. November 2015 18 – 21 Uhr

Galerie Anna25
Schönleinstr. 25
10967 Berlin

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