Donostia: Zwei Wochen zu Hause

 

 

Ich öffne die Glastür und betrete den Minibalkon meiner Unterkunft. So recht traue ich der wackeligen Balkonkonstruktion nicht, sie hängt etwas windschief in der fünften Etage über einer vielbefahrenen Kreuzung in Egia, einem Wohnviertel von San Sebastian. Ich schau gen Himmel und prüfe, ob sich im Hinterland die Wolken über den Bergen zusammenbrauen und den für das Baskenland so typischen Sprühregen in die Stadt tragen.

Auf die Wettervorhersage, das habe ich bereits gelernt, kann man sich hier zwischen Bergen und Atlantik nicht wirklich verlassen. Dieser sieht seit den letzten eineinhalb Wochen jeden Tag gleich aus: Leicht bewölkt, Regenwahrscheinlichkeit 50%. Ein stetiger Wechsel von Sonne, Wolken und Regen. Nur in welcher Reihenfolge, das bleibt fraglich. Also hilft nur Augen auf, Himmel beobachten und wenn dieser wolkenlos ist, schnell raus aus der Bude und ab an den Strand. Im Rucksack befinden sich zur Sicherheit die Sonnenbrille, eine Jacke und im besten Fall ein Regenschirm, denn den kann man in Donostia, wie die Basken ihre Hauptstadt nennen, definitiv gebrauchen. Da ich aber kein Regenschirmfreund bin, was eventuell mit einem durch eine Sturmböe verursachten Regenschirmsprung zusammenhängt, weigere ich mich stets einen mitzunehmen, geschweige denn mir irgendwo einen neuen zuzulegen. Aber zugegeben: Es hätte sich definitiv gelohnt.
Ich mach mich also auf den Weg, hüpfe die fünf Stockwerke in schnellen Schritt hinunter, denn auch im Treppenhaus nagt der Zahn der Zeit merklich. Riesige Risse klaffen in den Wänden, je schneller man unten ist, desto sicherer. Man weiß ja nie.
Unten angekommen stehe ich mitten in Egia, es ist ein nettes Wohnviertel, nicht so studentisch wie Gros, nicht so schick wie Centro und nicht so touristisch wie die Altstadt. Schräg gegenüber ist die wohl beste Pizzeria der Stadt, wo neben baskisch und spanisch, italienisch gesprochen wird. Englisch? Fehlanzeige. Zum Glück lässt sich Pizza auch ohne viele Wort bestellen.

Ich passiere den eigentümlichen Laden, der irgendwas zwischen Café, Kneipe und Späti ist. Schon jetzt am Vormittag sitzen hier die bekannten Gesichter, trinken wahlweise Kaffee, Bier oder Wein. Der ältere Herr mit Lederjacke und einer einzelnen ewiglangen Dreadlock, die fast bis zum Boden reicht, nickt mir zu. Zwei Häuser links ist die vielleicht coolste Bar von San Sebastian, das Buckowski. Die Bar im Flohmarktstil könnte auch in der Berliner Weserstraße sein. Retrotapete, Live Musik, auf der Leinwand läuft Metropolis. Genau nach meinem Geschmack!

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Ich laufe vorbei am Fischladen, der von früh morgens bis mittags geöffnet hat und dann nach einer langen Siesta noch einmal bis in die späten Abendstunden. An die Öffnungszeiten muss man sich gewöhnen, meine Weggehzeit fiel in den ersten Tagen leider immer wieder mitten in die baskische Siesta. Am Abend, wenn sich halb Donostia auf den Weg in die Bars zum Pintxosessen macht, wird im Fischladen geputzt. Einer riesigen Schaumparty ähnelnd, versinkt das komplett gekachelte Geschäft in Blubberbläschen. Mit Hochdruckreiniger und viel Elan heißt es schrubben. Nur wenige Stunden später wird dann schon wieder der erste Fisch geliefert.
Ich laufe vorbei am Antiquitätenladen, wo es alte Herrenräder für 130 Euro, Sammeltassen und vergilbte Werbeposter aus den 1960er gibt und am Park Cristina Enea, der als Joggingstrecke, Hundeauslauf und Kinderspielplatz dient. Hoch oben beim Museum wandern stolze Pfaue umher und schenken dem regen Geschehen ringsum wenig Beachtung.

Keiner dieser Orte ist für Touristen sonderlich interessant. Die Highlights sind die Strände, die Altstadt, Centro. Das alles habe ich in den ersten Tagen abgeklappert. Regelmäßig schlendere ich durch die Altstadt und immer, wenn schönes Wetter ist, eile ich zum Strand, um mir eine Portion Meeresbrise und Sonnenstrahlen abzuholen. Doch das kleine unbedeutende Stück auf dem Weg dahin, das ist mein San Sebastian. Hier habe ich meinen Bäcker, meinen Supermarkt, meine Kneipe. Zumindest für eine kurze Zeit bin ich hier zu Hause und kein Tourist mehr.

donostia

la concha

Donostia

6 Kommentare

  1. Das ist immer schön, wenn man wirklich ein Gefühl für einen Ort bekommt. Wir waren nur einen Nachmittag lang in Donostia, für mehr als einen Bummel hat es nicht gereicht. Aber gefallen hat es uns dort auch. 🙂

  2. Wie schön, wenn man einen fremden Ort für eine kurze Zeit sein zu Hause nennen kann und ihn nicht nur aus den Augen eines Touris sieht. Ich habe mein Herz schon an viele solcher Orte verloren und finde es immer wieder großartig. Deinen Beschreibungen nach hört sich Donostia echt toll an. Die Bar im Flohmarktstil würde mir sicher gefallen 🙂
    Alles Liebe aus Irland,
    Julia

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