Fotografierte Ferne: Die Berlinische Galerie zeigt Reisebilder

 

Zuerst kam die Grand Tour der höheren Schichten, später zum Ende des 19. Jahrhunderts der Massentourismus. Was alle Arten des Reisens betrifft ist der Wunsch des Festhaltens, des Dokumentierens, des Zeigenkönnens und somit war auch stets das Bild ein Teil des Unterwegsseins. Seit gut 100 Jahren ist das Reisen Thema der Fotografie. Die Positionen und Herangehensweise änderten sich im Laufe der Zeit und von Fotograf zu Fotograf. Inszenierte Exotik oder unerwartete Nähe? Reisedokument, Schnappschuss, Klischee oder geplante Szenerie? Die Berlinische Galerie zeigt eine Reise mit der Kamera und bringt Ferne und ihre Fotografen in eine Ausstellung. In 180 Bildern und 17 Fotografen geht es um die Welt.

Unbekannter Fotograf,
Kyoto, Japan, 1875-1910,
© Urheberrechte am Werk erloschen

Die Reisefotografie beginnt vor circa 170 Jahren. Die historische Reisefotografie hatte damals noch ganz andere Ansatzpunkte als heute. Andersartigkeit, Klischees und Exotik der Ferne wurden mit nachkolorierten Bildern in die Heimat gebracht. Authentisch? Nicht immer.

Für den DDR-Bürger war Ulrich Wüst war die Ferne stets ein unerfüllter Traum. Seine Abhilfe: Er suchte innerhalb der Grenzen nach Sehnsuchtsorten, fand in der Natur in Thüringen und Mecklenburg fremdartige Orte. Als er nach den Fall der Mauer endlich reisen konnte, machte er eine erstaunliche Entdeckung: In allen Teilen der Welt findet er Alltäglichkeiten, die ihn verblüffend an sein Zuhause, die ehemalige DDR, erinnern.

Ulrich Wüst,
Güstrow, aus der Serie: Kopfreisen und Irrfahrten, 1985,
© Ulrich Wüst

Kurt Buchwalds Bilderserie „Cala Sant Vicenç“ zeigt vor allem, was das Bild nicht zeigt. Im Hintergrund lassen sich Bilderbuchstrände, azurblaues Meer, Felsen erahnen, doch der Blick wird versperrt. Vor den Motiven ist immer nur eines zu sehen: Ein rotes Rechteck, das fast den kompletten Bildraum einnimmt. Eigene Vorstellungen und Sehnsüchte stehen statt dem eigentlichen Motiv im Vordergrund.

Kurt Buchwald,
Ohne Titel, aus der Serie: Cala San Vincente, Mallorca 1991,
© VG BILD-KUNST Bonn, 2017

Marianne Breslauer führte eine Hochzeit 1931 nach Jerusalem. Ganze zwei Monate blieb sie im Nahen Osten, fuhr nach Hebron, Bethlehem, ans Tote Meer und nach Alexandria. Statt eine Reportage oder eines Reiseberichts brachte sie Einblicke in den Alltag mit nach Hause. Sensible und zarte Bilder, die einen ganz eigenen Blick in die vielleicht gar nicht so fremde Ferne gewähren.

Marianne Breslauer,
Djemila, Jerusalem, 1931,
© Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz

„Fotografierte Ferne“ ist eine Ausstellung voller Überraschungen. Ich ging hin, um Bilder von fernen Ländern zu sehen, doch was mich berührte waren die Positionen der Fotografen. Was macht Reisebilder authentisch? Wer sind wir als Reisende, was vermitteln wir mit unseren Bildern? Was bin ich für die Destinationen? Ich bin still aus der Berlinischen Galerie gegangen und noch immer arbeitet es in meinem Kopf.
Danke dafür!

Ausstellungsansicht „Die fotografierte Ferne“, Berlinische Galerie 2017, © Foto: Harry Schnitger

Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts

Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin
Mittwoch–Montag 10:00–18:00 Uhr
Dienstag geschlossen

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