Verstecke Orte, kleine Anekdoten: Berlin mal wieder als Tourist erleben

Quizfrage: Gibt es in Berlin Weinberge? Nun ja, Berlin und Wein, das passt in etwa so gut zusammen wie München und Jogginghosen. Doch im kalten Berlin gibt es tatsächlich einen Ort, an dem fröhlich ein paar Weinreben ihre orange gefärbten Blätter in die Sonne halten, und das mitten auf dem Kreuzberg.

Unsere kleine Gruppe steht auf dem Kreuzberg, mit stolzen 66 Metern Höhe Berlins höchste innerstädtische Erhebung. Von der Spitze des Kreuzbergs und dem Denkmal für die Befreiungskriege sieht man die Weinreben erst, wenn man darauf hingewiesen wird. Ob der Wein schmeckt? Die Frage können nur wenige beantworten, denn der in kleinen Mengen gekelterte Tropfen wird nur als Geschenk an besondere Gäste der Stadt Berlin überreicht. Was wir von hier oben aber sofort sehen, sind die markanten Punkte im Stadtpanorama wie Goldelse, Fernsehturm oder Dom und hören Kuriositäten wie die Tatsache, dass sich unter dem Denkmal ein Hohlraum befindet, der zu Kriegszeiten als Schutzraum für Kunst aus dem öffentlichen Raum diente. Im Sommer lässt sich der unterirdische Raum besichtigen, jetzt im Herbst und Winter schlafen hier die Fledermäuse.  Nachdem wir Stephie noch mit ein paar Fragen gelöchert haben, geht es wieder zum Minivan und auf zur nächsten Station.

Ein Bezirk, viele Gesichter

Ich bin mittendrin in der „Szenebezirke Kreuzberg und Friedrichshain“-Führung. Stephanie Terwellen ist unser Guide. Sie hat sich mit ihren Secret Tours Berlin zum Ziel gesetzt, Berlin abseits der klassischen Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Egal, ob Erstbesucher, Wiederholungstäter oder (Neu-)Berliner, bei diesen Touren gehen am Ende alle mit neuen Erkenntnissen nach Hause. Die Tour startet am Ritz Carlton am Potsdamer Platz. Von dort fahren wir mit der Großraumlimosine durch die Stadt. Stephie, die aus dem Ruhrgebiet kommt, kennt sich aus. Sie plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen, erzählt von Korruption und Bebauungspläne.

Orte wie Tempelhofer Feld, Bergmannkiez, das türkische Haus an der Mauer oder der berüchtigte Kotti stehen bei der Szenebezirk-Tour genauso auf dem Plan wie das RAW-Gelände oder der Holzmarkt. Einige Orte sehe auch ich zum ersten Mal. So zum Beispiel „Riehmers Hofgarten“ am Mehringdamm. Ab 1891 baute hier Maurermeister Wilhelm Riehmer einen Innenhof, der so gar nicht dem gängigen Bild, nämlich dunkel und eng, entsprach. Statt beengtem Wohnraum entwarf er einen beschaulichen Wohnort mitten in der Stadt. Stephie weiß nicht nur über die Baugeschichte Bescheid, sie klärt uns auch über die ungenaue Lage in der Gegenwart auf. Nachdem die Gebäude aufgekauft wurden, stehen nun viele der schmucken Wohnungen und Gewerberäume leer. Wie es hier weiter geht bleibt fraglich.

Investitionen, neue Ideen – Eine Stadt im Wandel

Ähnliche Geschichten kann Stephie über das Gelände rund um die Mercedes-Benz-Arena erzählen oder über die Zukunft von Bergmann- und Oranienstraße. In letzterer können wir spontan einen Blick in das neu eröffnete Hotel Orania werfen. Das 4-Sterne-Hotel mag so gar nicht in die Ecke passen. Mitten in der Hochburg der linken Szene erscheint das Hotel fehl am Platz, ins wunderschöne Gründerzeit-Haus passt es allerdings hervorragend. Eine Mitarbeiterin erzählt uns, dass sie den Dialog und den Kontakt zu den Anwohner suchen. Diese  wurden zur Eröffnung eingeladen, durften vergünstigt in den Zimmern übernachten, mehrmals die Woche lockt Live-Musik auch Laufpublikum in die Hotelbar. Wo zur Zeit unserer Besichtigung nur ein paar Farbbeutel die Fassade zierten, sind heute einige der Fensterscheiben mutwillig zerstört wurden. Auch hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Was beim Besuch von Kreuzberg und Friedrichshain deutlich wird, ist die Vielfalt und Menge an neuen Ideen und Investitionen. So unterschiedlich die verschiedenen Projekte auch sind, sie alle prägen diese Stadt und sorgen dafür, dass sie sich immer wieder verändert. Ein spannender Prozess, der anhalten wird.

Kulinarische Highlights der Tour sind Abstecher in das Café ORA, wo Stephie uns zum Kaffee einlädt. In den Räumen einer ehemaligen Apotheke wird heute getrunken, gegessen und geplaudert. Das Interieur wurde dabei kaum verändert. Zwischen Medizinflaschen und Apothekerschrank ist es trotzdem wunderbar heimelig. Ein weiterer Zwischenstopp führt uns in die Markthalle Neun, wo wir uns bei einem Snack eine kleine Pause gönnen.

Was mir bei der Tour besonders gefällt: Stephanie spult kein Programm ab, sie streut ihr Wissen dann ein, wenn es passt. Mit Stephie kommt man ins Gespräch, sie hält keine Vorträge. Sie weiß auf Rückfragen stets eine Antwort und passt sich auf ihre Gäste an. Diejenigen, die zum ersten Mal da sind bekommen einen Kurzabriss zu Orten, Berlinkennern kann sie mit Anekdoten und aktuellen Neuigkeiten Neues erzählen. In gut vier Stunden lernte ich neue Orte kennen und sah bekannte Orte mit neuem Blick. Wer nach Berlin kommt und schon einige Orte kennt, der ist hier gut aufgehoben. Und Berliner, die ihren Wohnort besser kennen lernen wollen, sind ebenfalls gut beraten. Ich kann euch Stephanie als sympathische und fachkundige Tourleiterin wirklich ans Herz legen.

Alle Infos zu Touren und Preisen gibt es bei Secret Tours Berlin

Offenlegung:
Stephie war so lieb und hat mich zu einer Tour eingeladen. Meine Meinung ist trotzdem echt und unverfälscht. Schönreden muss man die Tour eh nicht, war super!

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