Varanasi. Es geht um Leben und Tod

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Es ist 5 Uhr morgens, die Sonne geht rotglühend am Horizont auf und taucht den Ganges in ein magisches Morgenlicht. Ein junger Inder schippert uns über den Fluss, vorbei an Menschen, die ihre rituelle Morgenwaschung begehen, vorbei an den brennenden Scheiterhaufen, vorbei an Arbeitern, die die Wäsche für die Hotels auf dem Waschstein bearbeiten.
Es ist diese Mischung aus Beklemmung, Geschäftigkeit und Spiritualität, die Varanasi so eigen macht, so intensiv.

Ich bin ganz ergriffen von der morgendlichen Stimmung, alles ist in ein mystisches Licht getaucht. Vom Boot aus kann man das Treiben an den Ghats mit angenehmen Abstand beobachten. Noch liegt eine wohltuende Kühle über Varanasi.
Ich beobachte die Stadt, die mich so seltsam in ihren Bann gezogen hat und fühle mich ganz plötzlich ruhig, in mir ruhend, angekommen.
Gedämpft wird die Stimmung vom Gespucke unseres Bootführers, von seinem ungenierten Gepopel und der hartnäckigen Verkaufsmasche eines Blumengesteckverkäufers, der uns unbedingt ein Gesteck schenken will, um dann doch auf ein paar Rupies Spende zu bestehen. So typisch für Indien, ich ärgere mich und lächele doch.

Varanasi ist die heiligste Stadt der Hindus. Gläubige pilgern in die Stadt Shivas, um dort im heiligen Ganges zu baden. Wer es schafft, hier zu sterben und an den Ufern der heiligen Ganga verbrannt zu werden, dem ist ein Ausbruch aus dem endlosen Kreis der Wiedergeburt sicher.
Ich muss zugeben, dass mir Varanasi im Vorhinein eine Heidenangst eingejagt hat. Ich hatte schon auf dem ganzen Trip meine Probleme in Indien. Menschenmassen und Verkehr haben mich nicht nur einmal kurz vor den Nervenzusammenbruch gebracht. Varanasi sei schwer zu begreifen, gehe an die Substanz, hörte ich oft und war auf alles vorbereitet. Soweit das irgendwie geht.
In Varanasi ist der Tod allgegenwärtig und ich war gespannt, wie ich damit umgehen würde.

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Erst zwei Tage zuvor sind wir in Varanasi angekommen, es ist die zweitletzte Stadt unserer Reise. Als wir die wie immer turbulente Rikschafahrt hinter uns gebracht hatten und uns in den engen mittelalterlichen Gassen unseren Weg zum Hotel bahnten, war ich angespannt und ängstlich. Doch irgendwie passierte nichts. Irgendwie fühlte ich mich in den engen Gassen sicher, konnte mich dem Tempo anpassen, war in der richtigen Bewegung, im Flow.

Unser Hotel liegt direkt am Manikarnika Ghat, dem größten Verbrennungsghat der Stadt. Wir schlafen also nur wenige Meter von dem Ort, wo täglich hunderte Leichen verbannt werden, in einem großen Siechenhaus unzählige Menschen auf ihren Tod warteten.
In Varanasi verbrannt werden ist die Erfüllung, eine kostspielige. Der Tod ist ein gutes Geschäft in Kashi, wie die heilige Stadt auch genannt wird. Eine Verbrennung ist teuer. Je nach Holzart variiert der Preis. Sandelholz ist selbst für westeuropäische Begriffe unbezahlbar.

Schon von Weitem sieht man den Rauch am Flussufer, wir folgen ihm. Zuerst erblicken wir die riesigen Stapel Holz, die sich hier aneinanderreihen, Stapel um Stapel. Sie lassen erahnen, wie viele Verbrennungen hier stattfinden. Dann sehen wir die ersten Scheiterhaufen und das erste Feuer.
Wir halten Abstand, beobachten die Szenerie. Menschliche Körper in wunderschöne farbige Tücher gehüllt werden auf Holzhaufen gelegt, mit einer Flamme des ewigen Feuers entfacht. Angehörige versammeln sich um die Verstorbenen, ruhig und bedächtig. Ich höre in mich hinein, warte auf ein Gefühl. Doch zu abstrakt ist das Geschehen. Ich reagiere gar nicht. Ich erkenne die Konturen der Körper, ich sehe einen Arm, der seitlich vom Holz gerutscht ist. Ich erkenne ein Knie und höre das Knacksen eines Schädels. Ich weiß, da verbrennen Körper, aber ich fühle es nicht.

Unten im Fluss sieben Männer nach Zahngold und Schmuck. Noch eine Weile stehen wir da und tun nichts. Es ist ein komisches Gefühl nicht zu wissen, wie man sich an einem solchen Ort verhalten soll. Wir halten respektvoll Distanz, lassen die Kamera in der Tasche. Doch plötzlich kommt ein Mann zu uns, sagt, dass wir hier nicht stehen dürfen. Wenn wir etwas erfahren wollen, dann sollen wir mit ihm kommen. Er könne uns in das Innere des großen Hauses führen, wo die Kranken auf den Tod warteten. Ich hatte schon zuvor von dieser Masche gelesen. Die Bestatter sind unberührbar und versuchen sich mit den Touristentouren etwas Geld dazuzuverdienen. Auch hier ein profitables Geschäft mit dem Tod. Doch eine Tour vorbei an Kranken und Toten ist so ziemlich das Letzte, was ich will und so gehen wir vorbei an Holzstapeln und folgen den Treppenstufen am Wasser entlang.

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Wir laufen schweigsam und beobachtend, sehen Kinder beim Cricketspielen zu, beim Planschen im Wasser. Daneben wird Wäsche gewaschen und sich selbst rituell gereinigt. Eine Herde Wasserbüffel steht im Wasser an den Treppenstufen und genießt das kühle Nass. Zwischen ihnen ragt etwas aus dem Wasser. Wir schauen näher hin und erkennen, es ist eine Leiche.
Ein Mann steht daneben aber der Anblick stört hier keinen, auch nicht die Kinder, die nur wenige Meter daneben im Wasser spielen. Der Mann sieht, dass wir den toten Körper entdeckt haben und ruft: “Yes, it’s a dead body, it’s a man”, und streckt grinsend den Daumen nach oben. Wir bedanken uns höflich für die Auskunft und gehen weiter.
Nicht alle Leichen dürfen nach hinduistischem Glauben verbrannt werden. Kinder, Heilige, Kranke und auch Homosexuelle dürfen beispielsweise nicht feuerbestattet werden. Auch Menschen, die sich die Einäscherung nicht leisten können werden deshalb einfach in den Fluss geworfen. Hunde und Vögel halten sich in Scharen am Wasser auf.

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Der Spaziergang am Ufer des Ganges ist wie ein Sinnbild für das Leben. Wir haben Ganga sprudelnd und sauber in den Bergen gesehen, breit und träge in Haridwar und hier in Varanasi ist er der Mittelpunkt von Leben und Tod. Der Fluss ist heiliges Wasser für das rituelle Bad, er ist Spielplatz für die Kinder, Waschstube, letzte Ruhestätte und Müllhalde.

So widersprüchlich der Umgang mit dem Fluss erscheinen mag, so authentisch zeigt er das indische Leben. Hier findet das Leben statt, Alltag zwischen Mystik, tiefer Gläubigkeit und alltäglichen Problemen und zwischendrin: der Tod.

Wir gehen zurück durch die engen Gassen, quetschen uns vorbei an Souvenirhändlern, passieren Straßen, die von Polizisten mit Maschinenpistolen gesäumt sind. Religiöse Konflikte stehen hier an der Tagesordnung. Bombenanschläge rissen hier bereits Menschen in den Tod.
Wir sitzen auf kleinen Hockern und probieren den besten Lassi der Stadt, während vier Männer eine in Tüchern gehüllt Leiche vorbeitragen. Varanasi hat eine sonderbare Atmosphäre, der Tod ist so präsent, genauso wie das ausgelassenen Leben.

Ich bin ganz ruhig, merke, dass ich das Gesehene nicht richtig verarbeiten kann. Ich verstehe es, aber ich fühle es nicht. Doch in der Nacht prasselt alles auf mich herab. Ich träume vom Tod. So intensiv, dass ich zitternd aufwache und doch bleibt am Ende ein gutes Gefühl.
Ich bin froh, dass ich mich hier mit dem Tod auseinandersetzen muss. Hier gehört er zum Leben.

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6 thoughts on “Varanasi. Es geht um Leben und Tod

  • 27. Januar 2015 um 17:03
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    Varanasi ist die Stadt, die mich auf meinen Reisen bisher am meisten beeindruckt hat. Auf meiner ersten Reise nach Indien habe ich den Zug dorthin wieder gecancelt, weil mir Traveller von herumschwimmenden Körperteilen etc. erzählten & überzeugt waren, ich würde das emotional nicht verkraften. Auf meiner zweiten Reise auf den Subkontinent ließ ich mir nicht reinreden. Mein Vater war vor ein paar Monaten gestorben, ich saß bestimmt zwei Stunden an einem Verbrennungs-Ghat, habe auf das Feuer und die Leichen geschaut und war seltsamerweise wie du ganz ruhig. Aber in dem Moment habe ich irgendwie Frieden mit dem Tod geschlossen.
    Man geht dort an seine Grenzen – aber umfahren sollte man diese Stadt dennoch nicht.

    Antwort
    • 27. Januar 2015 um 17:10
      Permalink

      Dann ging es uns ja gar nicht so unterschiedlich. Ich hätte nie erwartet, dass ich so reagieren würde, ich war auf alles gefasst und hab mich schon ausschließlich im Hotel sitzen sehen.
      Mir hat diese Erfahrung in Varanasi wahnsinnig gutgetan. Ich glaube aber auch, dass, mir bei einem zweiten Besuch das Negative viel mehr auffallen würde. Ob der Zauber dann noch der Gleiche wäre? Hm, wer weiß, vielleicht versuche ich es einfach mal herauszufinden.

      Antwort
  • Pingback: Indiens Norden - Vom Taj Mahal nach Varanasi

  • 26. Oktober 2015 um 21:04
    Permalink

    Sehr beeindruckender Text!
    Ich fahre selbst diese Woche nach Varanasi und bin beruhigt, dass du es dort nicht ‘schlimmer’ fandest als anderswo in Indien, das hatte ich nämlich auch befürchtet.
    LG Steffi

    Antwort
    • 6. November 2015 um 11:03
      Permalink

      Liebe Stefanie,

      entschuldige, der Kommentar ist im Spamordner gelandet. Bist du in Varanasi oder warst du? Bing gespannt auf deine Meinung!
      Lass es mich wissen!
      Liebe Grüße,
      Julia

      Antwort
  • Pingback: Storytelling Monatsrückblick Oktober - Bezirzt

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