San Sebastian. Oder: Leiden und Freuden als Freelancer

Ich will euch das Freelancerdasein, das ortsunabhängige Arbeiten oder gar das Digitale Nomadentum nicht als Allheilmittel verkaufen. Im Gegenteil: Wenn jemand zu mir sagt „Hey, ich finde das gut, wie du das machst, deine Freiheit, deinen Mut“, dann bin ich die Erste die mit dem „ja, aber“ daher kommt.

Freelance bedeutet Unsicherheit. Statt mit einem Arbeitgeber ärgere ich mich manchmal mit gleich mehreren herum. Das „Vonüberallarbeiten“ ist nicht nur täglich neue Freiheit sondern tägliches Entscheidenmüssen. Sich selbst immer wieder motivieren. Kein festen Kollegen bedeutet gleichzeitig auch ganz oft alleine sein. An schlechten Tagen einsam. Freelancen heißt, sich mit jedem einzelnen Text beweisen zu müssen.
Ich zweifele oft. Kann ich das mein Leben lang machen? Schreiben zermürbt, saugt mein Gehirn leer. Wenn ich mich darüber beschwere, dann bekomme ich gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. Mein Vater ist Polizist, meine Mutter Krankenschwester, mein Bruder Straßenbauer. Die arbeiten „richtig“. Und ernsthaft? ich beschwere mich, weil ich mir mit einem Text etwas schwer tue?

Was ich damit sagen will: Ich will euch das ortsunabhängige Arbeiten nicht besser verkaufen als es für mich momentan ist. Denn momentan ist es ein Kraftakt. Meine Bilder bei Instagram, meine Reisen lösen bei manchen Neid aus oder zumindest Fernweh. Doch es ist nicht immer alles Gold, was glänzt. Wenn Freunde sagen: „Ach, du bist nur unterwegs, wie toll“, dann fange ich schon wieder mit dem „Aber“ an.

Doch manchmal bedarf es nur einen kleinen Moment und dann weiß ich wieder, warum ich das mache. Warum ich mutig war und meine Festanstellung in Berlin ohne Absicherung gekündigt habe. Warum ich das Alleinesein öfter ertrage als es mir guttut. Warum ich mit den Selbstzweifeln lebe.

Ich bin in San Sebastian. Es regnet. Die Wettervorhersage für die nächsten zwei Wochen ist nicht gerade rosig. Mein Spanisch beschränkt sich auf Bestellen und Höflichkeitsfoskeln. Ich sitze alleine in der AirBnB-Unterkunft, die sich mein Freund und ich teilen. Er hat beruflich hier zu tun und ich, ich bin einfach mit.
Ich konnte einfach mit, weil ich niemandem Rechenschaft schuldig bin, von wo ich meine Arbeit erledige. Weil ich keinen Urlaub beantragen musste und lediglich Internet und meinen Laptop brauche.
Und plötzlich wird der Himmel blau, die Sonne kommt heraus. Statt 10 Grad und Regen plötzlich Sonnenschein. Ich klappe den Laptop zu, schnappe meine Kamera und gehe raus. Laufe durch die Straßen, vorbei an Prachtbauten und Grünflächen bis zum Meer. Der Strand liegt der Stadt zu Füßen. Das Wasser glitzert in der Sonne und spontan entscheide ich, den Urgull hinaufzusteigen. Der kleine Hügel vor der Altstadt mit der Christusstatue ist das Wahrzeichen der Stadt und gleichzeitig ein toller Aussichtspunkt. Auf dem Weg nach oben ziehe ich erst die Jacke, dann den Pulli aus. Ich entledige mich meiner überflüssigen Kleidung und lege mit ihnen meine Zweifel ab. Im T-Shirt schaue ich hinab auf Donostia und den tiefblauen Atlantik. ich sauge die Meeresluft ein. Und da weiß ich wieder, warum ich das alle mache. Und dass es erst der Anfang ist.

san sebastian blick

6 Kommentare

  1. Toll geschrieben! Das möchte ich auch irgendwann erreichen! Momentan habe ich einen 38h Job von Montag bis Freitag und komme zu nichts, was mir Spaß macht. In ca. 1,5 Jahren habe ich genug Geld zusammen und werde es wagen aus dem Hamsterrad zu fliehen und auf Entdeckungstour zu gehen 🙂 Die Vorfreude steigt jetzt schon langsam. 🙂

    1. Danke dir! Bei uns geht es in 1,5 Jahren auch nochmal auf große Reise, wenn mein Freund seinen Doktortitel in der Tasche hat. Das kann ich auch kaum erwarten. Bis dahin musst du die Zeit mit tollen Kurztrips überbrücken, auch in der Nähe gibt es so viel zu sehen!

  2. Hallo Julia,
    toller Text und du sprichst mir aus der Seele. Ich habe zwar einen festen Job für ein paar Stunden in der Woche, doch das meiste Geld verdiene ich mit Schreiben. Der Job sichert mir nur die monatliche Miete. Was mich am meisten zermürbt ist, dass ich eigentlich nie frei habe, denn wenn ein Auftrag abgeschlossen ist muss der nächste her. Aber wie du schon sagst, wir haben es uns selbst ausgesucht und ich möchte die Vorteile eben sowenig missen wie du. Obwohl ich ja auch über das Reisen blogge gibt es einen Urlaub im Jahr bei dem alles zu hause bleibt. Das ist die Auszeit, die ich mir gönne.
    Ich wünsch dir weiterhin viel Kraft und Aufträge
    Anja

    1. Hey Anja,
      danke für deinen Kommentar! Das mit dem einen richtigen Urlaub ist ne gute Idee. Ich versuche dann zumindest die Schreibaufträge vorher abzuarbeiten und Social-Media und so aufs Nötigste zu reduzieren. Das klappt zumindest ganz gut.
      Ich wünsche dir das Gleiche 🙂

  3. Liebe Julia,
    dein Text spricht mir aus der Seele. Ich kann so gut nachempfinden, wie du dich fühlst, denn es geht mir ganz genauso. Die große Freiheit, die das Freelancersein mit sich bringt, hat nun mal auch ihre Schattenseiten über die leider viel zu wenig berichtet wird. Es ist nicht immer alles gold was glänzt, wie du so schön sagst. Auch ich kämpfe mit Zweifeln und Zukunftsängsten, obwohl ich tief in mir drin weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
    Ich wünsche dir alles Gute für deine Zukunft und dass deine Träume wahr werden!
    Grüße aus Deutschland,
    Julia

    1. Hallo liebe Julia,
      es ist gut zu wissen, dass es dir auch so geht auch wenn ich dir natürlich wünsche, dass all die Zweifel verschwinden. Ich bin gespannt, wie alles für uns weitergeht und schicke dir aus dem (heute sogar sonnigen) Donostia ganz viel Zuversicht!

      Liebe Grüße!

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