Reisen ohne dich

Mein Problem ist die Freiheit. Aus der Not heraus wurde ich zum digitalen Nomaden. Dem hochgelobten Messias der modernen Arbeitswelt: frei, ungebunden, weltgewandt.

Die Entscheidung war fast schon zu einfach: Ich will nicht jeden einzelnen Tag von 10 bis 19 Uhr im Büro sitzen, völlig unflexibel und an den Schreibtisch gefesselt, ob es was zu tun gibt oder nicht. Die Folge: Freiberuflichkeit. Ich war mutig, vielleicht naiv und kündigte kurzerhand meine unbefristete Festanstellung.
Wie auch immer ich hier gelandet bin, jetzt bin ich frei, arbeite vom Bett, vom Café oder Co-Working Space, fahre zu meinen Eltern wann ich will oder bleibe auch mal den ganzen Tag im Zimmer. Arzttermine sind kein Problem mehr, zum Kaffee treffen? Klar. Doch die große Freiheit, die fühlt sich anders an.

Ich lebe meine Ortsunabhängigkeit mit angezogener Handbremse

Zumindest tat ich das eine ganze Weile. Ich wusste, dass ich morgen ganz weit weg könnte und das war mir für den Moment Freiheit genug. Ich verbrachte meine Zeit mit Theorie: Pläne schmieden, recherchieren, Flugpreise checken. Ich wusste, die Welt steht mir offen. Doch statt One-Way-Tickets nach Australien buchte ich zuerst drei Tage Nizza, dann eine Woche Rhodos. Bloß nicht zu weit weg, nicht zu lange. All das, was mich jahrelang störte machte ich nun freiwillig: Reisen in kleinen Häppchen.
Und warum? Der Grund bist du. Du hältst mich fest, ohne es zu wollen. Du bist der Grund, warum ich hier sitze, wie an einer Bushaltestelle und jeden Bus an mir vorbeifahren lasse. Weil ich ohne dich eigentlich gar nicht gehen will
Mein erster kleiner Schritt in Richtung Freiheit war Griechenland. Eine Woche Auszeit. Eine Woche neue Freiheit. Eine Woche ohne dich, denn du lebst weiterhin dein 9-to-5-Leben. Es ist ein Vorgeschmack auf ein Leben, das in großen Teilen ohne dich stattfindet.
Du bist immer mein Lieblingsreisepartner gewesen, bei allem dabei, für jeden Spaß zu haben. Weißt du noch, wie wir in Goa auf unserem Balkon saßen? Mit dem Bier in der Hand und so vielen Plänen im Kopf? Wie wir Kilometer für Kilometer den malaysischen Dschungel durchforstet haben, die Unterwasserwelt nachts mit Taucherbrille und Taschenlampe entdeckten? Auf Reisen sind wir stets das beste Team. In Berlin lässt uns der Alltag das manchmal vergessen. Ich gestalte meinen Tag alleine, auch ein Aspekt der Selbständigkeit. Unsere gemeinsamen Unternehmungen bestehen in der Woche aus Kochen und Serien schauen.
Doch ich habe meine Entscheidung getroffen und muss zu ihr stehen. Das heißt, ich muss da raus – auch ohne dich. Ich habe eine Freundin mit nach Griechenland genommen. Wir quatschen über Mädchenkram, während wir vor dem Spiegel unsere Haare machen. Wir liegen am Strand und sorgen uns um Sonnenbrand und streifenfreie Bräune. Wir haben eine gute Zeit. Und dich habe ich zwischenzeitlich ganz vergessen.
Doch dann kommen die Momente, ganz überraschend, in denen ich so schmerzhaft merke: Du fehlst. Ich mache mir Notizen auf meinem inneren Block, notiere, was ich mit dir hier machen will, wenn wir das nächste Mal gemeinsam hier sind. Die Metalbar an der Ecke, einen Abend den Luxus eines Fernsehers auskosten und sich dabei total blöd fühlen.

Ich gewöhne mich an das „ohne dich“

Ich bin gerne unterwegs und doch reicht es nicht, denn ohne dich habe ich den Ort noch immer auf der To-See-Liste. Es ist ein Vorgeschmack, wie das Reisen ohne dich sein wird. Ich weiß, dass ich mich daran gewöhnen werde. Und ich habe Angst davor, dass ich mich zu sehr daran gewöhne. Dass ich irgendwann nicht mehr, weiß, was ich gerne mit dir machen würde.
Griechenland ist nun eine Weile hier. Einiges hat sich seitdem verändert, manches ist gleich geblieben. Wie cool fand ich es, dass ich dich nach San Sebastian begleiten konnte, wo du beruflich zwei Wochen verbringen konntest. Ich habe meinen Laptop unter den Arm geklemmt und bin einfach mit. Zwei Wochen haben wir nicht Urlaub gemacht, sondern in Spanien gelebt. So hat es sich zumindest angefühlt.

Bei jeder Gelegenheit machen wir Kurztrips nach Schweden, Venedig oder Hamburg. Trotzdem bin ich die meiste Zeit alleine unterwegs. Noch immer in Häppchen. Zehn Tage Andalusien, zwei Wochen Israel, ein paar Tage Wellness auf Usedom. Ich lerne, das Reisen ohne dich zu genießen. Auch wenn du noch immer fehlst. Ohne dich lerne ich mehr Leute kennen. Vielleicht reise ich sogar intensiver. Trotzdem ist ein Teil von mir stets in unserem kleinen WG-Zimmer.

Könnte ich mir einen besser Partner für dieses Abenteuer vorstellen? Wer würde mich so selbstlos unterstützen, wie du es tust? Du hilfst mir aus der Patsche, überlegst mit mir, welche Reiseroute schlauer ist, obwohl du weißt, dass du nicht dabei sein wirst. Jetzt fliege ich für einen Monat nach Sri Lanka, während bei dir die Doktorarbeit immer stressiger wird. Und es wird immer wieder so sein.
Du machst das auch für mich, sagst du. Weil du weißt, wie sehr es mich in die Welt zieht. Du ermutigst mich, weil du weißt, dass ich sonst unglücklich wäre. Noch immer habe ich Angst, dass ich mich zu sehr ans Alleinreisen oder generell ans Alleinsein gewöhne. Eines habe ich gelernt: Ich brauche dich nicht. Aber ich weiß, dass ich dich gerne dabei haben will. Und das ist eine Erkenntnis, die ganz schön wertvoll ist. Findest du nicht? Und so sehr ich mich auf Sri Lanka freue, so sehr freue ich mich darauf, dann wieder zu dir zu kommen und dir alles zu erzählen.

Und dafür wollte ich dir einfach nur danken. Dafür, dass du mich gehen lässt, damit ich bleibe.

Einer erste Version des Artikel erschien vor einiger Zeit auf Im Gegenteil.

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