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Melancholie und Lebensfreude

26. Juli 2015

Gastbeitrag von Rebecca Hürter

Athen
Foto: Rebecca Hürter

Ein Spaziergang durch die weiße, bunte Stadt Athen

„Und dennoch war ich tief betrübt, Griechenland zu verlassen, wo Alles meine Seele über das Kleinliche des Alltagslebens erhob, wo jede Bitterkeit aus meiner Seele verlöscht war.“

Ein paar Monate haben ausgereicht, um mich beim Verlassen Griechenlands dieselben Gefühle empfinden zu lassen, welche Hans Christian Andersen beinahe 180 Jahre vor mir festhielt. Als Schreiberling gibt es nicht viele Möglichkeiten, um für ein Praktikum ins Ausland zu gehen: Umso glücklicher war ich darüber, mir meinen Wunsch zu erfüllen, in Griechenland arbeiten und leben zu können. Vier Monate war ich in Athen und habe für die deutschsprachige „Griechenland Zeitung“ gearbeitet! Doppelt so lange bin ich nun zurück in der Heimat und das Fernweh nach Athen, nach Griechenland, nach griechischem Essen, Tanz und Tsipouro wird mit jedem Sommersonnenstrahl stärker! So ist es an der Zeit, in Gedanken nochmals in die Ferne zu reisen, vom Lykavittos auf die Stadt zu blicken, die zahlreichen Märkte zu besuchen, den Philopappos zu besteigen, im Schatten alter Tempel auszuruhen, den Sonnenuntergang am Kap Sounion zu verbringen und in Exarchia dem Rembetiko zu lauschen.

Von oben weiß und unten bunt

Von oben sieht das Gewühle der Straßen übersichtlicher aus. Deshalb entschied ich mich gleich am ersten Tag, nachdem ich genauso neugierig wie orientierungslos in Athen angekommen war, für einen Aufstieg auf den Lykavittos. Der Straßenlärm verebbte Meter für Meter, als ich mich dem Gipfel des Stadtberges näherte. Athen erscheint von oben als ein weißes, friedliches Meer. Ein Meer, das sich nach dem Hinunterstürzen in die Wogen als vielseitig, lebensfroh und bunt zeigt.
Athens bunte Vielfalt ist vor allem auf den zahlreichen Märkten der Stadt zu spüren. Auf dem Flohmarkt am Monastiraki-Platz tummeln sich besonders sonntags die Menschen und Feilschen um die dargebotenen Waren. Selbstgemachter Schmuck liegt neben kaputten Haushaltswaren, alte Musikinstrumente hängen an Schrankwänden und zwischendrin werden auf Bauchläden und Ziehwägelchen Datteln, Nüsse oder Sesamkringel angepriesen. Jeden Tag ist in einem anderen Stadtteil ein Wochenmarkt, auf dem Berge an frischstem Obst und Gemüse, aber auch Fisch und Fleisch, Honig und Oliven dargeboten werden. Freitagmorgens kam ich jedes Mal mit süßesten Trauben und bester Laune bei der Arbeit an, nachdem mich mein Weg über den Wochenmarkt in Kallithea geführt hatte und mir die Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit der griechischen Menschen begegnet war.

In den Markthallen und kleinen Haushaltswaren-, Gewürz- und Lebensmittellädchen, welche dicht an dicht auf der Straße Athinas zwischen Monastiraki- und Omonia-Platz liegen, werden die Waren mit viel Engagement und großer Lautstärke beworben. Umwölkt von herrlichsten Gerüchen, sattgegessen von Probierportionen und beschwipst vom dazu gereichten Tsipouro kann ein Einkaufsbummel trotz der Menschenmassen, die sich besonders an den Wochenenden in den Straßen versammeln, sehr erholsam sein. Die Menschen treffen sich hier nicht bloß, um einzukaufen, sondern vor allem wegen der bekannten Gesichter, der netten Gespräche und dem griechischen Mokka – Kafé Ellenikos –, der zwischendurch in einem der zahlreichen Kafenions beim Tavli-Spielen eingenommen wird.

Athen
Foto: Rebecca Hürter

Anarchia – Exarchia

Nur wenige Meter vom Omonia-Platz entfernt liegt die Platia Exarchion, auf der sich abends Aussteiger, politische Aktivisten, Studenten, Autonome, Linksintellektuelle und viele andere treffen. Es wird gemeinsam gelacht, getanzt, geraucht, getrunken und vielerorts angeregt diskutiert. An verschiedenen Ecken des Platzes erklingen Bouzoukis, begleitet von Gesang. Die Lieder erzählen von Sorge und Verlust, aber auch von der Hoffnung auf eine gerechtere Zukunft. Regelmäßig wird die bunte Geräuschkulisse von Polizeisirenen unterbrochen, wenn wiedermal in Platznähe Mülltonnen brennen oder Barrikaden errichtet wurden. Dann ist es an der Zeit, vom Platz zu fliehen, bevor die Polizei mit Tränengas anrückt.
Die Kneipen und Tavernen in den Straßen um die Platia sind Orte der Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen Altersgruppen. Im Rozalia laufen die Ober mit riesigen Tabletts mit köstlichsten frisch zubereiteten Speisen von Tisch zu Tisch: Saganaki-Käse, Auberginensalat, Zucchiniröllchen und Fleischbällchen werden bei ausgelassener Stimmung geteilt. Wein und Retsina fließen, ebenso wie Ouzo, Tsipouro und Mastika.

Auch am Tag lohnt sich der Bummel durch das alternative Viertel Exarchia, das im Volksmund auch Anarchia heißt, mit seinen Graffitis an den Hausfassaden und den zahlreichen Läden, die Schallplatten, Bücher und Trödel verkaufen. Zwischendrin liegt ein kleiner Park, den die Anwohner mit Protesten vor der Bebauung beschützt haben: Ein Zeichen des Triumphes gegen das System, gegen die Politiker, von denen man sich alleingelassen fühlt. Ein Hoffnungsschimmer, der die Diskussionen am Leben hält, das kritische Gesicht von Exarchia bewahrt, den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Korruption antreibt.

Exkurs: Existenzangst und die Frage nach Solidarität

In Exarchia werden die Sorgen, welche das Leben der Menschen prägen, in Protesten nach außen geschrien. Der Hunger begegnet einem auf den griechischen Straßen, Armut, Krankheit und Verzweiflung sind in jedem Winkel der Stadt zu spüren. In meinen Gesprächen ist mir kaum Wut begegnet, sondern vielmehr Angst. Tiefe Existenzangst, die in Deutschland auf diese Weise nicht nachvollzogen werden kann! Egal ob die extreme Arbeitslosigkeit, die fehlenden Krankenversicherungen oder das mangelhafte Bildungssystem betrachtet wird, die Menschen in Griechenland blicken in eine ungewisse Zukunft. Nach vier Monaten in Athen ist die mediale Berichterstattung der letzten Monate schwer zu ertragen. Viele maßen sich das Recht an, Ratschläge zu erteilen und Urteile zu fällen, ohne die Mühe aufzuwenden, sich in die Situation der Menschen in Griechenland hineinzuversetzen. Es bleibt zu hoffen, dass nach all den Worten, welche in den letzten Monaten gefallen sind, nach Konkurrenzkampf und Machtgehabe die Solidarität wiederentdeckt und das Leben der Menschen in Griechenland in den Mittelpunkt der Überlegungen gerückt wird!

Athen
Foto: Rebecca Hürter

Im Schatten prächtiger Tempel und großer Denker Trotz des verbreiteten Leids unter der Bevölkerung wurde ich als Fremde in Griechenland so herzlich aufgenommen, dass ich mich sehr schnell heimisch fühlte. An verschiedenen Orten in Athen hatte ich das Gefühl, für einige Augenblicke die epikureische Idealvorstellung der Ataraxie, der Seelenruhe und vollkommenen Gelassenheit, nachempfinden zu können. Die großen Plätze, auf denen die teilweise nur mit wenigen Säulen erhaltenen Tempel stehen, strahlen für mich ein Gefühl von Ruhe und Freiheit aus. Wandelt man auf Sokrates´ Pfaden über den Philopappos, von dessen Gipfel der schönste Blick auf die Akropolis möglich ist und an dessen Fuß Sokrates der Überlieferung zufolge den Schierlingsbecher leerte, scheint man plötzlich über den Sorgen des Alltags zu stehen. Der sogenannte Philosophenhügel wurde nicht nur von zahlreichen Denkern seit der Antike auf der Suche nach guten Ideen durchstreift, sondern ist auch heute ein Ort des Rückzugs für viele Athener.
Auch Tagesausflüge auf benachbarte Inseln wie Angistri, Aegina und Hydra oder zum Kap Sounion, wo der Tempel des Poseidons vor einer Kulisse aus Ägäischem Meer und Inselwelt aus den Felsen ragt, boten mir für ein paar Stunden Erholung von der Millionenstadt. Die Urlaubsparadiese mit malerischen Hausfassaden, verlassenen Felsenbuchten, türkisblauem Wasser und traumhaften Sonnenuntergängen liegen direkt vor den Toren Athens.

Heimweh – Fernweh

Die Grenzen zwischen heim und fern verwischen, nachdem die Fremde zum – wenn auch zeitlich begrenzten – zu Hause geworden ist. Die Gesichter auf der Straße wurden von Tag zu Tag vertrauter, das „Kalimera!“ am Morgen herzlicher … Mein letzter Tag vor der Abreise führte mich nicht nur zu meiner Lieblings-Pitabude und zum Tanzen und Freunde Verabschieden nach Exarchia, sondern auch auf den Gipfel des Philopappos, an meinen Lieblingsort der Stadt. Und da sitzend fragte ich mich, was es ist, das mich an Athen so fesselt und wodurch der Abschied so schwer ist.
Ich weiß nicht, ob es die Lebensfreude ist, welche durch die Sonne und den unendlichen Blick auf die Inselwelt, durch die Herzlichkeit der griechischen Menschen, die mir an jedem Ort begegnet ist, und durch das Flair der „weißen, bunten Stadt“ Athen geweckt wird. Vielleicht ist es die Melancholie, die aus dem Dunst der Straßen aufsteigt, zwischen den Säulen der alten Tempel hängt. Die Melancholie, die in den Stimmen der Sänger und in den tanzenden Beinen mitschwingt, die aus den Büchern aufsteigt und in den Blicken der Menschen zu lesen ist. Vielleicht ist es gerade die Mischung aus Melancholie und Lebensfreude, die ich in Athen gefunden habe und die mich gefangen hält: Ein Lebensgefühl, das heute wie vor hunderten von Jahren in Griechenland die Seele über das Kleinliche des Alltags erhebt.

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Foto: Rebecca Hürter
Athen
Foto: Rebecca Hürter
Athen
Foto: Rebecca Hürter
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Foto: Rebecca Hürter
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Foto: Rebecca Hürter
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Foto: Rebecca Hürter
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Foto: Rebecca Hürter

1 Hans Christian Andersen: Griechenland und der Orient – Eine märchenhafte Reise, Verlag der Griechenland Zeitung.

  1. Sehr spannend, sehr schön geschrieben, ich finde es furchtbar wichtig, solche Stimmen zu hören und ihnen einen gewichtigen Platz einzuräumen.
    Ich bin auch total froh, dass ich selbst im Oktober 2011 meinen Urlaub dort verbracht habe (der Zeitpunkt war keine Absicht) und seitdem weiß, dass vieles in diesen Medien Griechenland überhaupt nicht gerecht wird.
    Noch nie vorher habe ich solch eine große Gastfreundschaft erlebt, gerade auch uns „gestrandeten“ Deutschen gegenüber, die wir auf einmal in Athen festsaßen, keine Fähre ging, unsere Buchungen futsch. Viele helfende Menschen der angeblichen Deutschhasser haben uns damals geholfen und wir hatten so eine unserer schönsten und intensivsten Reisen überhaupt.
    Danke für diesen Artikel & liebe Grüße
    /inka

    1. Inka, ich danke dir für deinen Kommentar. Ich bin immer wieder erleichtert, dass hinter den Medienberichten die Wahrheit oft anders aussieht. Die Menschen machen Länder aus und diese Zwischenmenschlichkeit zu erfahren ist immer wieder intensiv. Mir ging es beispielsweise in Vietnam so, wo es imme rheißt die Menschen seinen sehr verschlossen aber ich erfuhr dort mehr Hilfsbereichtschaft als irgendwo anders.
      Ich glaube bei mir geht es dieses Jahr auch noch nach Griechenland. Ich bin gerade am Planen, mal sehen, ob es klappt!
      Liebe Grüße!

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