Hochsommer im Oktober: Alltagsflucht nach Rhodos

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Im Südwesten Deutschlands, meiner Heimat, schneit es.

Wir scrollen uns durch die ersten Schneebilder der Saison in der Facebook-Timeline und teilen die Verwunderung. Schnee Mitte Oktober? Noch surrealer ist es für uns, weil wir gerade mit fettem Sonnenbrand im Hostelzimmer liegen und unsere einzige Sorge ist, ob die roten Stellen, die bei mir eher die komplette rechte Seite zieren, bis morgen braun geworden sind.

(Spoiler: Nein, wurden sie nicht. Und jetzt eine Woche später zieht sich über meinen Oberschenkel eine zerfledderte Hautlandschaft).

Ich hatte wohl zufällig ein glückliches Händchen bewiesen, als ich vor ein paar Wochen ziemlich spontan eine Woche Rhodos inklusive zwei Tage in Athen buchte, denn wir erwischten sowohl die bis dahin schmuddeligste Herbstwoche in Deutschland als auch die letzte richtig heiße und sonnige Griechenlands.
Ich wollte einfach mal raus. Und dafür gab es eine ganze Reihe an Gründen.

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Alltagsflucht: Wohin wenn man im Herbst nochmal so richtig Sommer will?

Zunächst einmal bin ich seit fast drei Monaten freiberuflich und arbeite ortsunabhängig. Meine Ortsunabhängigkeit erstreckt sich zwischen Schlaf- und Wohnzimmer, Betahaus und Café Schaumschläger und wenn ich ganz verrückt bin, fahre ich ein paar Tage in die Pfalz zu meiner Familie. Schön und gut aber ganz ehrlich, erst will ich unbedingt reisen und kann nicht, weil ich keinen Urlaub mehr habe. Jetzt hab ich alle Zeit der Welt und krieg es trotzdem nicht gebacken. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
Außerdem ist die Anfangszeit als Freelancer echt deprimierend, ich sag es euch. Oder sagen wir abwechselnd deprimierend und aufregend: Mal flattern die geilsten Aufträge rein, dann wieder Funkstille. Ich will mich nicht beschweren aber das zerrt an den Nerven. Zusammen mit Papierkram von Krankenkasse, KSK und Finanzamt löst das vor allem eines aus: Fluchtgedanken.
Und zu guter Letzt: Ich wollte verdammt nochmal noch keinen Herbst oder noch schlimmer Winter. Ich hatte Sommertemperaturen nötig und ein dringendes Bad im Ozean. Das ich nochmal in die Sonne wollte, stand also eigentlich schon die ganze Zeit fest aber ich kam einfach nicht in die Pötte. Ich weiß nicht warum ich mir so verdammt schwer getan habe mit der Entscheidung. Wochenlang graste ich Flugsuchmaschinen nach Schnäppchen ab, fragte in Facebookgruppen nach geeigneten Sonnenzielen im Oktober herum und suchte und suchte und suchte.

Meine Voraussetzungen waren folgende: Warm, Meer, ein bisschen Kultur, schöne Natur, nicht zu weit, günstig und am besten ein richtig cooles Coworkinghostel, damit ich auch ein bisschen zum Schreiben komme. Und ich wurde fündig: In Marokko gibt es ein Coworkinghostel, das genau meinen Anforderungen entsprach, alles perfekt. Doch natürlich kam etwas dazwischen: Mein Reisepass war nicht mehr lange genug gültig. Und versuch’ mal in Berlin an einen Termin beim Bürgeramt zu kommen. Auf den Stress hatte ich keine Lust also Planänderung.

Nach langem hin und her, schwankte ich zwischen Südspanien und Griechenland. Mein Hauptproblem war die Unterkunft. Ich hatte asiatische Strandbungalows im Kopf und keine Lust auf ein Hotel oder ein gammliges Hostel mit gemischten 16er Dorms. Ausschlaggebender Punkt für meine Entscheidung war das Stay Hostel, das ich auf Rhodos fand. Ein nagelneues Hostel, stylisch und mit Female Dorm, das hörte sich gut an und … schwupps, hatte ich gebucht. Die getrennt gebuchten Flüge brachten mir zusätzlich zwei Tage Athen und einen günstigen Preis. Kurzerhand fragte ich eine Freundin aus der Heimat, die auch Urlaub nötig hatte und sie buchte keine zwei Stunden später die ganze Geschichte nach.

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Rhodos: 4 Tage auf der Sonneninsel

Zwei Wochen später sitzen wir also nach dem ersten Strandtag mit sonnenverbrannter Haut in unsrem Doppelzimmer. Da hier gerade Nebensaison ist und das Hostel noch relativ neu, ist die Unterkunft etwas unterbucht, was für uns bedeutet, dass wir statt im Female Dorm im netten Doppelzimmer schlafen dürfen, ohne Aufpreis. Das Badezimmer teilen wir mit einem Pärchen nebenan, die nach der ersten Nacht aber wieder abgereist sind und so haben wir fast schon eine richtige Ferienwohnung inklusive Küche für 18 Euro pro Person und Nacht.

Nachdem wir recht spät abends in Rhodos-Stadt angekommen sind, eingecheckt und uns angemessen über das Zweierzimmer gefreut haben, galt unsere erst Priorität dem Essen. Wir hatten einen Bärenhunger und waren somit die perfekten Opfer für Touristenfallen, in die wir dann auch gleich großzügig reingesprungen sind. Drei Imbissrestaurants nebeneinander, die alle irgendwie zusammen gehören, Pizza, Gyros, Pasta und unfreundliche Bedienungen – keine gute Kombi. Wenn man dann noch als Vegetarier eine Schinkenpizza bekommt… Zum Glück war unsere erste griechische Restauranterfahrung nicht maßgeblich für den Rest unseres Urlaubs. Meine kulinarischen Highlights für Vegetarier und Zwiebelhasser folgen weiter unten.

Das Meer: Die Strände in der Nähe von Rhodos-Stadt

Elli Beach

Doch zunächst zum für mich wichtigsten Teil der Reise. Dem Meer. Ich trage immer die Erinnerungen an die Urlaube meiner Kindheit mit mir herum. Wir fuhren immer mit dem Wohnwagen ans Meer, am liebsten nach Italien. Der Moment, wenn man zum ersten Mal das Meer sieht, war immer der Oberkracher für meinen Bruder und mich. Wir drückten uns die Nase am Fenster platt und veranstalten einen riesigen Radau vor Freude. Auch heute noch hüpft mein Herz kleine Hochsprungrekorde beim ersten Anblick von Sattblau. Es ist der Wahnsinn, wie sehr man das Meer vermissen kann, oder? Dabei war ich ja im März an den bis dato schönsten Stränden meiner Reisekarriere auf den Perhentian Islands. Und genau diese Tatsache hat mir ein bisschen, naja Angst wäre zuviel gesagt, aber Sorge bereitet. Außer Portugal, was meiner Meinung nach einer der schönsten Strandlandschaften überhaupt hat, habe ich keinen meiner Urlaube in den letzten fünf Jahren in Europa verbracht. Und um ehrlich zu sein, hatte ich irgendwie ein bisschen Sorge, dass ich enttäuscht sein würde, weil es „nur“ Europa ist. Ich schäme mich wirklich für den Gedanken, denn er ist um es mal ganz klar zu sagen, extrem überheblich. Rhodos liegt aber geografisch gesehen näher am asiatischen Teil der Türkei, als am griechischen Festland. Quasi ein kleiner Kompromiss. Aber ich schweife ab.
Der Stadtstrand von Rhodos-Stadt trägt den schönen Namen Elli und ist für einen Stadtstrand richtig toll. Zwar gibt es hier keinen Sand, sondern Kiesstrand aber vor allem für die Sonnenuntergänge ist der Strand eine gute Wahl, denn Elli Beach erstreckt sich einmal von Westen nach Osten über die gesamt Nordspitze Rhodos’ und so lässt sich der Sonnenuntergang im westlichen Bereich in ganzer Pracht verfolgen. Hier ein kleiner Vorgeschmack: DSC_0853

 

Was auch besonders ist, dass hier an der Nordspitze von Rhodos (übrigens auch an der Südspitze) das Aegäische Meer und das Mittelmeer aufeinander treffen. Hört sich nicht so spannend an, sieht aber so aus. Man sieht ganz deutlich die zwei verschiedenen Meere an den Farben, ein tolles Schauspiel.

 

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Tsambika Beach

Wer sich ein bisschen aus Rhodos-Stadt herausbewegt, kann aber noch schönere Strände finden. Auf Rhodos gibt es ein ganz gutes Busnetz. Doch man sollte sich auf alle Fälle vorher informieren, wann die Busse wohin fahren. Denn zu manchen Zielen fahren nur zwei Busse pro Tag. Eine andere Möglichkeit, die wohl bequemste, ist das Mieten eines Autos oder Quads, mit dem man die Insel völlig selbständig erkunden kann. Wir wollten ursprünglich ganz faul eine Bootstour machen, die uns zuerst an allen Stränden vorbei nach Lindos bringen sollte und danach einen Badeaufenthalt am Tsambika Beach enthielt. Als wir morgens in alle Frühe am Boots erschienen, teilte uns die Dame aber mit, dass heute keine Boote nach Lindos fahren. Zu wenig Teilnehmer. Das ist einer der Nachteile an der Nebensaison. Dadurch fiel für uns leider der Ausflug nach Lindos, der angeblich schönsten Stadt auf Rhodos flach. Ärgerlich. Also entschieden wir uns für den Bus und fuhren nur zum Tsambika Beach, der wirklich wunderschön ist.

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Pulverweicher Sand, flach abfallendes und vor allem glasklares Wasser und dank Nebensaison nicht so viel Badegäste. Außerdem ein paar Strandbars und freilaufende zuckersüße Hunde zum Spielen. Für einen ausgiebigen Strandtag ist der Tsambika Beach perfekt. Ein kleines Manko und einen Tipp zugleich habe ich allerdings: Die Schnorchelausrüstung kann man getrost zuhause lassen. Das Wasser ist erstens so klar, dass man auch von oben bis auf den Boden schauen kann, außerdem gibt es ehrlich gesagt nicht wirklich etwas zu sehen. Da war ich von der malaysischen Unterwasserwelt vielleicht doch etwas zu verwöhnt.
Der Strand in Kalithea und die Anthony-Quinn-Bucht wurden uns ebenfalls empfohlen. Hätten wir mehr Zeit gehabt, hätten wir diese sicherlich auch besucht. Warum letztere diesen Namen trägt ist nicht ganz klar, sicher ist aber, dass die kleine Bucht vor allem dadurch überzeugt, dass sie kaum bebaut und idyllisch gelegen ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass es in der Hochsaison ziemlich eng werden kann.

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Kultur: Die Altstadt von Rhodos-Stadt

Ich bin kein Mensch, der tagelang nur faul am Strand liegen kann. Ich brauche ein bisschen Abwechslung, am liebsten kultureller Art und da hat Rhodos einiges zu bieten. Leider sucht man den Koloss von Rhodos vergeblich, doch die Altstadt ist ein beeindruckendes Labyrinth an uralten Zeugnissen menschlicher Baukunst und gehört zum UNSECO Weltkulturerbe. Die Ritterstraße, der Großmeisterpalast und die Moschee sind beindruckend. Es lohnt sich ein bisschen an den meterdicken Stadtmauern entlangzulaufen, bevor man ins Innere der Altstadt geht, so bekommt man ein Gefühl für die mächtige Wehranlage. Innerhalb der Mauern gibt es dann vor allem geschäftige Kellner und Verkäufer. Da fühlt man sich doch gleich wieder wie in Asien. Es ist wirklich ziemlich nervig, dass man immer und überall überfallsmäßig zum Reinkommen oder Kaufen motiviert wird. Da hilft nur Ohren zu und auf Durchzug schalten. Wenn man sich ein bisschen von den Hauptstraßen entfernt kann man auch kleine Gässchen finden, die das echte Leben in der Altstadt zeigen. Einfach los und verlaufen. Es lohnt sich.

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Was esse ich als Vegetarier in Griechenland?

„Where are you from?“ „Germany“. „Oh …“ Der Kellner ging weg, wir tauschten Blicke und dachten, dass wir nun die oft thematisierte Deutschlandfeindlichkeit der Griechen zu spüren bekommen. Doch kurz darauf kam der ältere Herr zurück und fragt uns auf deutsch „Gehts euch gut?“ und entschuldigte sich für sein schlechtes Deutsch. Das „Oh“ war demnach der Tatsache geschuldet, dass deutsch die schwerste Sprache für ihn war und er uns deshalb lieber auf englisch, italienisch oder russisch begrüßt hätte.
Meine Freundin und ich sind beide Vegetarier und im Vorhinein sah ich mich lediglich Feta und Salat essen. Eine kleine Steigerung in Sachen komplizierte Esserin ist die Tatsache, dass ich keine Zwiebeln esse. Aus diesem Grund koche ich eigentlich am liebsten selbst und habe ein kleines Side-Projekt namens Zwiebellos. Was Griechenland angeht, habe ich tatsächlich hauptsächlich Käse verputzt aber da ich Käse liebe hatte ich in Kombination mit gegrilltem Gemüse, Oliven und leckerem Pita jeden Abend ausgezeichnet gegessen. Mit einem unschlagbar cremigen Eis am Mittag und dem obligatorischen halben Liter Hauswein, den wir uns am Abend teilten war ich kulinarisch auf Rhodos bestens versorgt.

Unsere Lieblingsrestaurants:

Alexandra Restaurant
Probiert hier den überbackenen Käse mit Tomate und Pepperoni!

Taverna Koukos
Das Restraunt scheint auch bei Einheimischen beliebt zu sein und ist uns vor allem wegen dem hübschen Innenhof und der Terrasse aufgefallen. Wir waren sogar aus Versehen zweimal dort essen, weil wir zuerst nicht gemerkt haben, dass der Innenhof und die Terrasse an der Straßenseite zum selben Restaurant gehören
Das gegrillte Gemüse, eine große Schüssel Tzatziki und der obligatorische Feta haben uns hier wunderbar geschmeckt. Besonders lecker fand ich hier aber auch die griechischen Nudeln, die aus einem uralten Getreide hergestellt werden. Zusammen mit Feta und Olivenöl ein Traum. Normalerweise gehören noch karamellisierte Zwiebeln dazu, was dann scheinbar noch leckerer schmecken soll.

Das beste Eis:

Gelateria Ice Art
Das Eis ist herrlich cremig und vor allem selbstgemacht, genauso wie die Waffeln. Achtung, macht süchtig!

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Und sonst?

Shopping

Rhodos-Stadt lädt zum Shoppen ein. Wo in der Altstadt die Souvenirläden dominieren, gibt es in der Neustadt ein Klamottenladen neben dem anderen. Abends ein bisschen in den Läden stöbern macht Spaß, dank Handgepäck beim Fliegen konnten wir aber dem großen Kaufrausch widerstehen.

Hafen

Zwar kann Rhodos nicht mit dem Koloss dienen, aber dafür mit ebenso gigantischen Kreuzfahrtschiffen. Am Hafen in Rhodos-Stadt kann man die Schiffe aus der Nähe betrachten und die Touristenströme in die Altstadt beobachten. Meine Freundin aus Berlin arbeitet gerade auf einem Schiff und zufälligerweise war sie zur gleichen Zeit wie ich in Rhodos und wir konnten uns nach Monaten zum Mittagessen und kurzen Schwatz treffen.

Rhodos hat genau das geliefert, was ich gesucht habe: Strand, Sonne, Kultur und Entspannung. Es war kein spannender Rucksacktrip und keine Kulturschockreise, sondern eine kleine Alltagsflucht für zwischendurch. Nicht zu weit weg, günstig und schön. Hätten wir etwas mehr Zeit gehabt, dann hätten wir sicher mal ein Auto geliehen oder einen Roller und wären nach Lindos, das auf den Bildern wirklich wunderschön aussieht. Ein paar Strände hätten wir noch besucht und den ein oder anderen faulen Tag dort verbracht. Doch, das mache ich dann beim nächsten Mal. Denn nach Griechenland komme ich bestimmt wieder und somit hatte ich nicht die ganze Zeit das Gefühl, dass ich alle sehen und machen muss, wie ich das bei Fernreisen oft habe.

So, genug für heute. Demnächst kommt dann ein bisschen was zu Athen. Und bis dahin: Bilder!

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