Grüße vom Angsthasen – Straßenverkehr in Vietnam und Indien

Nicht immer geht es auf asiatischen Straßen so gemütlich zu wie hier.
Nicht immer geht es auf asiatischen Straßen so gemütlich zu wie hier.

Wir stehen an einem Kreisel in Saigon. Seit ungefähr fünf Minuten starren wir auf dieses Gewimmel von Zwei-, Drei- und Vier-Rädern, wahlweise mit vier Hufen kombiniert. Ho-Chi-Minh, wie die Stadt seit der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam 1976 heißt, ist aber vor allem die Stadt der Roller.

Die Straßen sind gnadenlos überfüllt mit den flinken Scootern, die aus jeder Gasse und aus jedem Winkel angeschossen kommen. Sie sammeln sich in Trauben vor den Ampeln und bilden im Kreisel, an dem wir gerade stehen, einen undurchsichtigen Strom aus Fahrzeugen. Auf dem Weg zu unserem Ziel dem Nachtmarkt, müssen wir  genau zweimal diesen Kreisel der Hölle überqueren. Nur auf dem Hinweg wohlgemerkt.

So stehen wir also da und versuchen aus Verlegenheit noch immer die Lücke im Fluss der Fahrzeuge zu finden, auch wenn wir wissen, wie sinnlos das ist. Plötzlich steht ein älter Mann neben uns von vielleicht 70 Jahren und winkt uns näher zu ihm heran. Er gibt uns mit einem Nicken zu verstehen, dass wir ihm folgen sollen und macht einen Schritt auf die Straße. Wir bleiben dicht neben ihm, während er langsam und besonnen einen Schritt nach dem anderen macht, immer in Richtung Kreiselmitte. Die Roller rauschen an uns vorbei, Autos fahren um uns herum. Als ein Bus von links heran fährt, hält unser Helfer die Hand vor uns und lässt den Bus passieren. In meinen Ohren höre ich den Straßenlärm rauschen, ich konzentriere mich auf jeden Schritt. Langsam, einen Fuß vor den anderen, immer den Blick auf den Mann zu meiner Linken gerichtet. Schließlich erreichen wir die Mitte. Er lächelt uns breit an, wir schnaufen durch. Doch keine Zeit zum Ausruhen. Mit eiligen Schritten überquert unser Straßenlotse die Grünfläche, wir hechten hinterher, bis uns erneut das Verkehrschaos begrüßt. Der Mann vergewissert sich, dass wir neben ihm sind und das Spiel geht von vorne los: Langsam und konzentriert fließen wir durch den Verkehrsstrom, bis wir den rettenden Bürgersteig erreichen. Wir können noch schnell „Thank you“ rufen und schon ist der ältere Herr in der Masse verschwunden.

Was Straßenverkehr betrifft gibt es zu Indien wohl keine Steigerung. Hier weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Also ich in Goa zum ersten Mal indischen Boden betrat, dachte ich, dass es hier schon recht verkehrsreich zugeht. Ich wusste ja nicht, was mich noch erwartet. Die ersten Vorboten: Zugepflasterte Touristen, Verbände um Knie und Ellbogen. Rollerunfälle wie sie so typisch für Backpacker sind, mich eingeschlossen. Doch was es heißt auf indischen Straßen unterwegs zu sein, begriff ich erst viel später.
Es ist zunächst nur eine Geschichte: Eine Deutsche, die erzählt, wie sie jeden Tag mit Bus von der Unterkunft zur Sprachschule gebracht wurde. „Ich saß im Bus wie so viele Male zuvor. Etwas schläfrig schaute ich aus dem Fenster und sah in der Kurve das Motorrad. Und schon hörte ich den Knall. Ein Schrei. Es dauerte kurz, bis ich registrierte, dass ich es war, die schrie.“
Eine Geschichte, die mir unter die Haut ging.
Am nächsten Tag machen wir einen Ausflug nach Panjim. Als wir gerade an der Straße stehen, um uns einen Überblick zu verschaffen, sehe ich im Augenwinkel folgendes: Ein Mann tritt zwischen den parkendes Autos direkt auf die Straße und genau vor einen kleinen Bus. Der Busfahrer hat keine Chance. Im Versuch auszuweichen trifft er nicht nur den Fußgänger sondern auch ein parkendes Auto, das einen Satz nach vorne macht und dabei zwei ältere Frauen mit Körben auf dem Kopf umwirft. Eine Kettenreaktion. Schnell bildet sich ein Pulk. Das Geschrei ist groß. Der Fußgänger, dem nichts weiter passiert ist, reißt die Fahrertür auf, zieht den Mann heraus und prügelt auf ihn ein. Ein paar Menschen kümmern sich um die beiden Frauen, schütten ihnen Wasser über die Köpfe und reden auf sie ein. Wir stehen da wie versteinert. Dem Busfahrer hilft niemand.

Meine Erlebnisse sind kleine Geschichten von großen Dingen: Von Überbevölkerung, Umweltverschmutzungen, Leid aber auch von Menschlichkeit. Es sind oft traurige Geschichten die man erlebt oder hört, doch sie passieren nicht nur in Indien sondern auch täglich bei uns. Meine Angst vor dem Straßenverkehr läuft doch, wenn wir einmal ganz ehrlich sind, schlussendlich auf nichts anderes heraus, als meine Angst vor dem Tod. Schwere Worte. Und ich gebe es zu, der Tod ist ein Thema, mit dem ich mir schwer tue. Ich mache mir oft Gedanken darum, dass unser Leben endlich ist. Zu oft, denn ich verarbeite meine Ängste, indem ich sie nicht verdränge sondern bewusst durchdenke. Mir fehlt der Leichtsinn, der Glaube an das Gute danach. Indien war auch in dieser Hinsicht wie eine Schocktheraphie. Selbst in Deutschland macht mir der Straßenverkehr ein wenig Angst. Ich bin kein großer Autofan und die Fahrten mit der Mitfahrgelegenheit haben mich öfter als einmal an meine Grenzen gebracht. Doch geht es nicht darum, sich seinen Ängsten zu stellen? Und das versuche ich immer wieder. Egal ob es die Sorge vor dem Terrorismus, Straßenverkehr oder Krankheiten ist, die Verdrängung oder gar das Vermeiden bringt uns nicht weiter. Denn daran, dass wir alle irgendwann sterben müssen ist nichts zu ändern. Und deshalb werde ich immer wieder meinen Ängsten stellen, an ihnen arbeiten und währenddessen die Schönheit dieser Welt bewundern.

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