Die kleinen Dinge: Eine Busfahrt an der Côte d’Azur

Es sind die kleinen Dinge, die mich faszinieren. Zwischenmenschliches, Alltägliches, Unscheinbares. Klar, ich gehe in den Kölner Dom, ins Louvre, schieße ein Bild von der Tower Bridge. Doch was mir wirklich interessiert, das sind andere Dinge. In Nizza war es nicht die Strandpromenade des Anglais oder das Museum der Modernen Künste, was mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist sondern Dinge des alltäglichen Lebens. eze

Ich bin mal wieder viel zu früh an der Bushaltestelle. Der Bus in Richtung Monaco geht in 25 Minuten. Doch ich plane immer etwas mehr Zeit ein, denn ich weiß, dass ich eines nicht habe: eine gute Orientierung. Darauf kann ich mich verlassen und ein kleines Problem beim Soloreisen. So auch an diesem Morgen. Mit der Tram zur richtigen Haltestelle ist kein Problem. Doch wo zum Teufel befindet sich der Busbahnhof? Irgendwo im Umkreis von 200 m müsste er sein. Ich irre ein paar Augenblick in der Gegend herum, gehe zweimal an einem Bäcker vorbei, bis ich mich entschließe um Hilfe zu Fragen. Also schnell einen Kaffee bestellen, davon kann ich eh nie genug haben und nebenbei nach dem Busbahnhof fragen. Mit der Wegbeschreibung finde ich schließlich den Busbahnhof, den etwas Abseits gelegenen Bereich wo die Busse nach Osten abfahren und sogar die richtige Haltestelle. So warte ich also geduldig, gehe ein paar Schritte auf und ab. Nach und nach trudeln noch andere Fahrgäste ein. Zwei ältere Damen, die mich höflich begrüßen, Platz nehmen und über dies und das plaudern. Designerläden und Café-Tipps, ich verstehe nur Bruchstücke. Sie scheinen sich nicht zu kennen, was dem Gesprächsstoff keinen Abbruch zu tun scheint. Wohl frisierte Haare, Perlenkette, Boucléblazer. So hatte ich mir die Fahrgäste nach Monaco vorgestellt.
Ein junger Backpacker lehnt sich ans Geländer. Ein Deutscher was ich an Deuter-Rucksack und Lektüre erkenne. Er dreht sich eine Zigarette und winkt dann einer jungen Frau zu, die von der Straße herbeieilt. Der Bus kommt.
Im Bus sitzen die Beiden hinter mir und reden über die besten Kletterspots der Gegend über gute Flugsuchmaschinen und über ihre geplanten Reisen nach Südamerika und die Vor- und Nachteile von Geldwechseln auf dem Schwarzmarkt.12357788_1664128660512408_1253312041_n

Ich schaue aus dem Fenster. Ich habe mich extra auf die rechte Seite gesetzt, um ungetrübten Blick auf die Côte d’Azur zu haben. Vorbei am Hafen von Nizza, kurvige Bergstraßen hinauf, bis sich ganz oben in den Bergen kleine Häuschen bemerkbar machen: Eze, das mittelalterliche Städtchen mit dem wohl schönsten Ausblick weit und breit und mein erster Stopp an diesem Tag. Es ist Nebensaison und von den hunderttausenden Touristen, die jährlich das Provinznest besuchen ist glücklicherweise nichts zu sehen. Ich steige den steilen Weg hinauf zur alten Festung. Hier befinden sich auf der Spitze des Berges kleine Häuschen, Ateliers und Boutique-Hotels, von denen die meisten heute geschlossen sind. Ich schlendere durch die schmalen Gässchen und teile mir die Stadt scheinbar ausschließlich mit Touristen, zwei Familien und eine junge Frau, dem Müllmann, ein paar Arbeitern und einer Kassenaufsicht am Botanischen Garten. Es ist ein Ort für Touristen. Ich fühle mich ein wenig, als würde ich in einer Filmkulisse wandeln, doch die Aussicht ist unschlagbar. Ich verbringe meine Zeit damit, Fotos von den anderen Touristen vor pittoresken Häuserwänden zu machen, mich in den hintersten Winkeln des Dorfes zu verlaufen und vom exotischen Garten auf der Spitze des Hügels hinunter auf die Bucht zu schauen.
Ich habe einen Mittagssnack dabei und suche mir einen Platz auf der Mauer inmitten von Kakteen und blühenden Sträuchern. Unter mir machen ein paar Arbeiter die Pflanzen mit weißen Planen winterfest. So sitze ich mindestens eine Stunde auf der Mauer und genieße den umwerfenden Blick, die junge Asiatin, die auch mit mir im Bus war, tut es mir gleich.
Zwei Stunden nach meiner Ankunft stehe ich wieder an der Bushaltestelle. Mit dem Bus geht es nun weiter nach Monaco. Es geht nur schleppend voran, der Verkehr staut sich auf den engen Straßen. Grund dafür ist unter anderem ein Verkehrsunfall. Wir passieren die Unfallstelle, eine Autofahrerin übersah einen Rollerfahrer, der bewusstlos am Straßenrand liegt. Kein guter Start für Monaco. Und ich mache es kurz: Ich hasse Monaco. Es ist laut, es ist voll und hektisch. Überall Baustellen, kitschige Weihnachtsmärkte, strikte Polizeipräsenz und vom Glamour der 60er-Jahre keine Spur. Ich klappere ein paar Sehenswürdigkeiten ab und sitze zwei Stunden später wieder im Bus in Richtung Nizza. Ganz ehrlich: Monaco und ich, das wird nichts.12292788_771995736237755_794990495_n
Ich sitze müde und etwas entnervt von Monaco im Bus, schaue aus dem Fenster und beobachte die Menschen, die in den Bus einstiegen. Der Bus füllt sich und hält gefühlt alle fünf Minuten an, um Leute ein- und aussteigen zu lassen. „Bonjour“ grüßt jeder Einsteigende den Fahrer, der inbrünstig zurück grüßt. Beim Aussteigen ähnliches: Jeder einzelne Fahrgast wird verabschiedet, als Antwort ein kurzes Winken der Gäste in Richtung Fahrer. Immer und immer wieder. Ich bin überrascht. Ich muss gestehen, dass ich die Bewohner der Côte d’Azur irgendwie arrogant eingeschätzt hatte. jetzt vor Ort zeigt sich mir das Gegenteil. Zu jeder Zeit ein freundliches „Bonjour“ auf den Lippen, ein Gruß hier, eine nettes „Ça va?“ da. Hier herrscht ein freundliches Miteinander selbst im Bus. Als ich in Nizza aussteige, bekomme auch ich einen schönen Tag gewünscht, ich verabschiede mich lächelnd und gehe schon gleich viel beschwingter zum Hostel. Es sind eben die kleinen Dinge, die zählen.

15 thoughts on “Die kleinen Dinge: Eine Busfahrt an der Côte d’Azur

  • 15. Februar 2016 um 18:08
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    Ein schöner Reisebericht! Ich mag diese Momente auch viel lieber, als eine Sehenswürdigkeit nach der anderen abzuklappern, so als würde man nur eine Liste abhaken.
    Monaco fand ich übrigens auch relativ langweilig, ich glaube wir waren damals höchstens 2 Stunden dort. Da gibt es so viel mehr zu entdecken an der Küste…

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    • 19. Februar 2016 um 10:39
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      Scheinbar ein typischer Fall von „Abgehakt“. Man hats dann halt kurz gesehen und das war es dann auch. Die Busfahrt war dafür wunderschön.

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  • 28. Februar 2016 um 12:48
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    Ja, ja die Orientierung – da habe auch ich so meine Probleme.
    Ein ganz toller Artikel, liebe Julia. Ich mag deine Art zu Schreiben sehr! Werde in Zukunft öfter bei dir vorbeischauen. 🙂

    Lieben Gruß aus Mainz,
    Sarah

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    • 28. Februar 2016 um 18:32
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      Danke dir, Sarah 🙂 Dann mal schöne Grüße in die Landeshauptstadt, bin grade bei meinen Eltern in der Pfalz 🙂

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  • 28. Februar 2016 um 13:30
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    Die kleinen Momente im Leben sind einfach soooo kostbar und wundervoll. Ich bin gerade richtig mit abgetaucht, als du davon schriebst auf der Mauer zu sitzen und einfach nur das Treiben zu beobachten…nichts tun…glücklich sein. Zeit verschwenden. Einfach wunderbar.

    Was ich auch immer wieder interessant finde ist, wie das Reisen unsere Vorurteile vernichtet. Arrogante Bewohner der Cote D’Azur: Fehlanzeige.
    Sehr schön. Da sieht man wie man sich blenden lässt von Medien oder falschen Vorstellungen. Passiert mir leider auch immer wieder mal. 😉
    Gerade deswegen ist es so wichtig, raus in die Welt zu ziehen und sich sein eigenes Bild zu machen. 🙂

    Ich wünsche dir noch viele weitere schöne kleine Momente. 🙂

    LG Janine

    Antwort
    • 28. Februar 2016 um 18:30
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      Genau das ist das Schöne am Reisen. Und ich genieße die Momente immer wieder, in denen man es so richtig merkt, dass man gerade eines besseren belehrt wird. Danke dir für den Kommentar!

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  • 28. Februar 2016 um 14:12
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    Dieses Gefühl, dass man für einen Ort kein Gefühl bekommt, dass man einfach nicht warm wird, kenne ich nur zu gut. Gerade dann ist es umso schöner, wenn man eine Kleinigkeit, eine Geste oder auch nur ein nettes Lächeln entdeckt, die dieses Erlebnis wieder in ein ganz anderes Licht rücken und doch noch zu etwas Besonderem machen.
    Ein schöner Artikel!
    Liebe Grüße, Kerstin

    Antwort
    • 28. Februar 2016 um 18:28
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      Das sehe ich genauso. Und manchmal ist es auch einfach total in Ordnung, wenn es mal nicht klick macht. Und eben: die kKleinigkeiten zählen so viel mehr als jede Sehenswürdigkeit, die man abklappert.

      Antwort
  • 28. Februar 2016 um 14:49
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    Liebe Julia,
    du sprichst mir aus der Seele. Ein nettes Gespräch oder ein freundliches Lächeln sorgen oft viel mehr dafür das Tage schön und unvergesslich werden als alle Sehenswürdigkeiten die man an ihnen abgeklappert hat. Meiner Meinung nach kann man auch nur durch Kontakt mit Einheimischen einen Ort komplett erfassen.
    Liebe Grüße
    Laura

    p.s. Ich finde deine Art zu schreiben großartig!

    Antwort
  • 28. Februar 2016 um 17:01
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    die Bilder von der Küste sind ja toll und schön wenn neben der Landschaft auch noch die Leute vor Ort nett sind, das macht echt schnell den Unterschied
    lg

    Antwort
    • 28. Februar 2016 um 18:24
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      Ich liebe es allein schon an der Küste entlang zu fahren und zu schauen und dabei Menschen und Natur zu beobachten.

      Antwort
  • 29. Februar 2016 um 11:47
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    Eine schöne Erzählung. Obwohl dir Monaco an sich nicht gefallen hat, klingt das trotzdem nach einem netten Ausflug. Du hast Recht: es sind oft die kleinen Dinge. Die Sehenswürdigkeiten hakt man halt ab, aber die wirklichen Erinnerungen sind die kleinen Momente, so wie du sie beschreibst.

    Ich hätte die Leute aus der Gegend übrigens auch arroganter eingeschätzt, so kann man sich täuschen 😉

    LG
    Shaoshi

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