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Der Mann mit der Gitarre

25. März 2016

mexikoAngelos Haut ist voller Falten. Dunkel und vom Wetter gegerbt. Seine Haare sind erst an den Schläfen grau, obwohl er sicher schon in den Fünfizgern ist, mindestens. Wer weiß, vielleicht färbt er sie auch, denn allein an seinen blauen Augen sehe ich, dass er ein Frauenheld gewesen sein muss.

Als er seine Gitarre in die Hand nimmt kann man den Glanz in seinen Augen noch erahnen, auch wenn er über die Jahre hinweg verblasst scheint. Er setzt sich vorne auf die mittlere Bank des Bootes, spielt den ersten Akkord und spricht ins Mikro: Auf Spanisch begrüßt er die Fahrgäste auf dem Weg von Cancun Puerto Juarez nach Isla Mujeres und für die nächsten 15 Minuten wird er ein paar Lieder für uns spielen. Er wiederholt das Ganze knapp in einem Englisch, dass irgendwie noch immer nach Spanisch klingt.
Als er seine Stimme zum ersten Lied erhebt, bekomme ich Gänsehaut. Sie ist sanft und eindringlich zugleich. Eine Melancholie überkommt mich. Ich weiß nicht, ob in Angelos Augen tatsächlich die Trauer eines schwierigen Lebens zu sehen ist. Doch ich spüre unerfüllte Wünsche, Geldsorgen und trotz allem die Kraft der Musik, die alles ein bisschen erträglicher macht. Auch wenn man sie mit einem Publikum teilt, das sich eher für die Wellen interessiert, höflich aber lustlos am Ende der Lieder zwei-, dreimal in die Hände klatscht. Er tut mir Leid.
Nach einem ruhigen Anfang werden Angelos Lieder schneller. Es ist erstaunlich wie flink seine Finger über die Bünde gleiten. Die komplizierten Rhythmen liegen ihm im Blut und in seinem Gesicht zeichnen sich immer mehr Falten ab, es sind Grübchen von seinem Lachen, das seine Musik begleitet. Erstaunlich, wie jung er plötzlich wirkt. Während die anderen Fahrgäste nun etwas beschwingter mitklatschen, die Amerikanerin enthusiastisch mitschnippt und ihre Tochter peinlich berührt etwas zur Seite rückt, tauche ich immer mehr in Gedanken ab.

Hätte er nicht mehr verdient als Touristen zu bespaßen? Doch wieso unterstelle ich dem Musiker eigentlich solch eine Unzufriedenheit, eine unerfüllte Künstlerkarriere? Vielleicht ist er sogar ganz zufrieden mit dem was er macht, froh um jeden Pesos, den er mit seiner Leidenschaft verdienen kann? Warum immer mehr wollen? Demut, Zufriedenheit, Dankbarkeit, wo ich nur Scheitern vermutete?
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen als Angelo sagt: „Welcome in Puerto Juarez. Pardon, Isla Mujeres“. Nach so vielen Fahrten kann man schon einmal durcheinander kommen. Er lacht und stimmt einen letzten Song an, einen ganz besonderen. „Guantanamera, guajira Guantanamera“, singt er und die Amerikanerin flippt aus, jubelt, steht auf und singt mit. Angelo lächelt. Er scheint die Reaktion zu kennen. Als wir aufstehen geht Angelo mit seinem Hut herum und bedankt sich höflich bei jedem, der etwas in den hinein wirft. Ich nicke ihm anerkennend zu als ich ihm ein paar Groschen hinein werfe. Ein junges Pärchen hinter uns fragt nach einem Foto und einer Zugabe. Angelos Augen leuchten. Und ich habe für die nächsten Tage einen Ohrwurm.

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