Auf der Suche. Oder: Ist die Welt zu groß oder zu klein?

schildkröten bezirzt

Ich bin Reiseblogger. Diese Tatsache verschweige ich im normalen Leben gerne. Mir ist es manchmal fast schon ein wenig unangenehm. Nicht etwa, weil mir das Bloggen peinlich wäre, denn das Schreiben liebe ich. Mir ist es unangenehm weil ich das Gefühl habe, dass ich mich rechtfertigen muss. Ich war nie länger als zwei Monate weg. Nicht nach dem Abi, auch nicht während des Studiums. Meinen Erasmusplatz habe kurz vor knapp abgesagt und es gibt so viele Orte, an denen ich noch nicht war. Viele meiner Freunde, die nicht darüber schreiben, reisen nicht weniger als ich.


Ich sehe mich nicht als Reiseexperte. Ich will anderen nicht sagen, was sie tun sollen oder wo sie hin müssen. Jeder ist ja anders. Ich habe ja selbst oft keinen Plan. Ich habe furchtbar schnell Heimweh, auch wenn ich in Deutschland auch acht Stunden von meiner Familie und Heimat weg wohne. Ich bin eine Niete in Sachen Orientierung, verlaufe mich selbst im Museum. Ich bin ein Angsthase, hab schiss vom Straßenverkehr. Ich bin oft schüchtern und zurückhaltend. Mir fällt es schwer auf andere zuzugehen. Ich überlege oft zu viel, mache zu wenig. Ich bin mäkelig beim Essen, habe Angst vor Spinnen. Essen bei Einheimischen und übernachten unter freiem Himmel lösen eher Stress als Freude aus. Off the Path ist anders.

Kurzum: Ich bin ganz sicher kein Experte, was das Reisen betrifft, kein Dauernomade oder Abenteurer. Ich wurschtel mich da irgendwie durch und versuche meinen Weg zu finden. Das erzähle ich euch, weil ich weiß, dass es manchen sehr ähnlich geht.
Denn trotz meiner Ängste und Problemchen: Mein Fernweh ist stärker und vor allem das Gefühl, dass ich etwas erleben will.

Ich dachte, ich hab alle Zeit der Welt. In 1,5 Jahren ist mein Freund mit dem Doktor fertig, dann wollen wir reisen, überlegen, wo wir dann leben wollen. Ausprobieren. Bis dahin nutze ich meine Freiheit und arbeite mal hier, mal da. Sonderlich eilig hatte ich es bis jetzt nie. Ich bin 28, also ein paar Jährchen bevor es „ernst“ wird, sprich Familienplanung und Sesshaftigkeit, waren schon eingeplant.
Und jetzt muss ich kurz sehr persönlich werden: Meine Frauenärztin hat mich ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wenn es nach ihr ginge, sollte die Kinderplanung an erster Stelle stehen. Seitdem höre ich meine Uhr ticken. Was das auslöst: Fernweh, Abenteuerlust und große Fragen. Was will ich noch erleben, für mich ganz alleine. Jetzt bin ich unabhängig. Die Welt steht mir offen. Und das will ich nutzen. Nur wie genau?

Und dann fängt es an, das große Überlegen. Was sind meine Träume, welche Orte lösen kribbeln aus?
Das Blöde, wenn man in der Online-Welt die Träume anderer verfolgt ist, dass man beeinflusst wird. Ich habe das Gefühl, jeder hat schon alles gemacht. Alles, was ich machen will ist Nachmache. Kennt ihr das nicht auch? Ich denke mir: Wie wäre es mit einem Schweigeretreat im Kloster? Hat Person xy schon gemacht. Vielleicht Bali? Da ist ja gefühlt jeder. Ähnlich ist es mit Jakobsweg oder workandtravel in Australien. Alles erscheint mir fast schon als langweilig. Das erschreckt mich. Denn nur weil Person xy da war, hat das ja nichts mit mir zu tun. Ihr wisst sicher, was ich meine. Meine Wünsche sind plötzlich so stark beeinflusst, dass ich nicht mehr weiß, was eigentlich meine Idee ist und was ich nur zu oft gelesen habe. Kurz gesagt: Ich weiß gar nicht was ich eigentlich will. Und gleichzeitig will ich so viel: Den Sommer in Berlin verbringen. Ich will surfen. Ich will faul am Strand abhängen. Eine Strandhütte auf einer einsamen Insel. Fremde Kulturen. Exotische Orte. Ich will, ich will, ich will. Ich will nichts bereuen, nichts verpassen. Und das sind Luxusprobleme.

Wenn ich an die lange Reise mit meinem Freund denke, dann kommen die Reiseziele wie von alleine: Nepal, Kapstadt, Neuseeland, Indonesien. Doch wenn ich an Ziele für mich denke, dann hakt es. Wohin will ich? Bei all dem Abwägen kommt mir die Welt gleichzeitig so wahnsinnig groß und trotzdem so klein vor.
Ich jongliere mit Länder- und Städtenamen. Lasse sie mir auf der Zunge zergehen. Doch ich bin noch immer überfordert und weiß gar nichts mehr. Ich brauche Internet und ein bisschen Kulturschock. Warmes Wetter und tolle Natur. Ruhe und Gesellschaft.
Dabei weiß ich: Jeder neue Ort, den man sieht ist eine Bereicherung. Orte muss man erleben und falsch machen kann man gar nichts. Ich versuche ganz auf meinen Bauch zu hören. Schwierig, schwierig. Und eigentlich doch so einfach.
Mittlerweile habe ich einen Flug gebucht, der Bauchkribbeln auslöst und bei allem nur ein Anfang ist: Im November fliege ich nach Israel. Ein Ort, den ich schon ganz lange in mir trage und immer zu viel Angst hatte. Jetzt habe ich mich getraut und kann es kaum abwarten. Alles davor, das wird sich nach und nach ergeben.

6 Kommentare

  1. hast mit deinem text, und auch vor allem mit der überschrift einen punkt getroffen! so geht es sicher vielen, auf alle fälle mir. mir fällt hier immer nur ein tipp ein, den ich mir auch selber öfter sagen sollte: ein schritt nach dem anderen. lass dich nicht stressen, auch nicht von deinen eigenen erwartungen!

  2. ich glaube, dass die vielen positiven seiten, die das internet seit dem aufschwung in die breite masse mit sich getragen hat, grade ein bisschen ins negative übersteuern. es kommt einem alles banal vor und man hat das gefühl, dass etwas immer außergewöhnlich und schwierig und unglaublich weit weg sein muss. davon sollten wir uns dringend befreien. du bloggst, weil es dir spaß macht und niemand ist gezwungen, deinen blog zu lesen. wenn man es doch tut dann hast du offenbar etwas zu erzählen. andere menschen machen andere erfahrungen – deswegen sind sie aber nicht interessanter oder prädestinierter für etwas.

    viel spaß in israel, das ist garantiert ein spannendes reiseziel! obwohl ich sagen muss, bei mir überwiegt dahingehend die angst noch ziemlich stark!

    1. Danke dir für deinen Kommentar! Du hast total Recht und so sage ich mir das auch immer wieder. Momentan leidet gerade die Bloglust darunter aber andererseits schaden so kleine Ruhepausen zum Klarwerden, was man eigentlich möchte, ja auch nicht.
      Ich bin jedenfalls schwer am Flügevergleichen und habe dieses Jahr noch so einiges vor 😉

  3. Liebe Julia,
    1. Lass Dich bloss nicht von Deiner Frauenärztin verrückt machen! Die meisten Frauen bekommen doch heute ab Mitte 30 ihr erstes Kind! Klar, es wird immer gesagt, alles ab 30 ist Risikogeburt und so weiter, aber mal ehrlich: Ich kann auch an einer Aspirin sterben!
    2. Israel ist super! Auch als Frau alleine. Den Sicherheitsgrad eines Landes messe ich (wie auch andere Mädels die ich kenne) immer daran, ob ich theoretisch nachts alleine auf der Straße in einem Mini-Rock herum laufen könnte (auch wenn ich das nicht tue). Und das kannst Du in Israel! Ich hab mich selten so sicher gefühlt wie dort.
    und last but not least:
    Es geht um Dich und Deine Reiseträume. Ist doch egal, wenn andere schon auf Bali waren! Fahre selber hin, bilde Dir Deine eigene Meinung. Du erlebst Dinge ganz anders als die anderen die schon alle da waren! Man muss ja nicht mit nem Pferd von China bis Amsterdam reisen, nur weil das vielleicht noch niemand gemacht hat. Mach einfach das, worauf DU Lust hast!
    P.S. Dein Blog gefällt mir wirklich gut!

    Lg
    Miriam von North Star Chronicles

    1. Liebe Miriam,
      zuerst: Krass! Danke dir für deinen ausführlichen Kommentar! Freut mich mega!

      Und zweitens: Danke dir für deine Bestärkung, deine Eindrücke und auch ein bisschen Trost. Du hast Recht und ich freue mich bereits auf Israel. Mittlerweile bin ich entspannter was alle Eindrücke angeht: Familienplanung, Reisen, Ichsein.

      Eine große Portion <3 an dich!
      Julia

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